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Anerkennung von Vielfalt in der Politik

Über die Rassismussensibilität politischer Repräsentant*innen in der Einwanderungsgesellschaft

Die Studie untersuchte, welches Bewusstsein politische Amtsträger*innen im Ruhrgebiet für Rassismus haben. Dabei interessierten uns insbesondere diese Fragen: Inwiefern eignen sich theoretische Kategorien wie „Vertrauen“, „Solidarität“ und „Anerkennung“ als Indikatoren für eine rassismussensible Haltung von Amtsträger*innen? Für welche Erscheinungsformen von Rassismus sind politische Amtsinhaber*innen in einer politisch-kulturell heterogenen Region sensibel, und wie äußert sich das? Wir analysierten Gespräche mit 16 Politiker*innen auf kommunaler und regionaler Ebene sowie mit Mitgliedern des Landtages und Bundestages in 2017 und 2020 aus dem Ruhrgebiet.

Schlagworte

Politik
Vielfalt
Gleichberechtigung

Autor*innen

Merve Schmitz-Vardar
Sarata Diane

 

 

Ergebnisse

Die Gesprächsanalysen zeigen, dass bei politischen Repräsentant*innen im Ruhrgebiet ein Bewusstsein für Rassismus vorhanden ist: Amtsträger*innen wissen, dass Menschen auf Grund zugeschriebener Merkmale benachteiligt werden, machen aber kaum explizite Lösungsvorschläge. Weiterhin verbinden sie Rassismus generell mit physischer Gewalt und verstehen ihn als extreme Form der 'Fremdenfeindlichkeit'. Dadurch erwecken sie mitunter den Anschein, das Problem sei nicht sehr groß. Wichtigste Themen in den Gesprächen waren die Benachteiligung von türkeistämmigen Menschen, ‚Vorurteile‘ gegenüber Sinti*zze und Rom*nja sowie Schwierigkeiten in libanesischen Communities.

Politische Repräsentant*innen sprechen kaum ausdrücklich von Rassismus, wenn sie Ungleichbehandlung wahrnehmen oder Teilhabechancen reflektieren. Stattdessen verwenden sie Begriffe wie „Ausgrenzung“, „Diskriminierung, „Ausländerfeindlichkeit“, „Ressentiments“ oder „Vorurteile“. Die problematische Verschränkung der Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“ und „Rassismus“ zeigte sich auch in den Interviews: Einerseits nehmen Amtsträger*innen Menschen anderer Nationen und Religionen als selbstverständlichen Teil des Ruhrgebiets wahr. Andererseits schließen sie sie durch den Begriff des ‚Fremden‘ aus.

Überraschende Einsichten

Um erfassen zu können, ob politische Repräsentant*innen Vielfalt anerkennen, haben wir eine Reihe an Dimensionen für eine quantitative Analyse erarbeitet. Dabei sind wir davon ausgegangen, dass die Anerkennung von Vielfalt folgende Voraussetzungen hat:

  • Vertrauen in vermeintliche Fremdgruppen,
  • Verzicht auf ein ethnisches Verständnis der Zugehörigkeit und
  • Abwendung von vorurteilsbeladenen Ressentiments.

Es scheint, dass die Kategorie "Vertrauen in vermeintliche Fremdgruppen" zwar erfassen kann, ob Bürger*innen Vielfalt anerkennen, für politische Amtsträger*innen aber weniger gut geeignet ist.

Zudem erkannten wir, dass Gesprächssituationen nicht immer ermöglichen, die Produktion oder Reproduktion vorurteilsbeladener Ressentiments zweifelsfrei voneinander abzugrenzen. Außerdem spielt soziale Erwünschtheit in persönlichen Gesprächen eine größere Rolle als in anonymen Umfragen. Insofern könnten anonyme Befragungen besser geeignet sein, um bestimmte Dimensionen von „Anerkennung“ zu erfassen.

Bedeutung für die Praxis

Besonders für demokratische Systeme ist es entscheidend, dass politische Repräsentant*innen die Bevölkerung als freie und gleiche Bürger*innen verstehen. Aus unseren Ergebnissen wird deutlich:

  1. Auch Amtsträger*innen, die strukturelle Ungleichbehandlung wahrnehmen und ungleiche Teilhabechancen reflektieren, reproduzieren mitunter rassistische Kategorien.
  2. Politische Repräsentant*innen sprechen Rassismus kaum explizit an, auch wenn bei ihnen die Akzeptanz von Vielfalt ausgeprägt ist.
  3. Um Gruppen repräsentieren zu können, die von Rassismus betroffen sind, müssten sich Amtsinhaber*innen intensiver mit Othering-Prozessen befassen.