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Transnationaler Rassismus

TRANSMIT-Modul zu transnationalem Rassismus und seinen (Trans-)Formationen in Deutschland

In unserem Forschungsprojekt analysierten wir, wie und wo sich transnationaler (Anti-)Rassismus in Konflikten unter Migrant*innen zeigt und welchen Einfluss rassistische Erfahrungen haben, die Migrant*innen in ihrem Aufnahmeland machen. Insbesondere wollten wir herausarbeiten, welche Strategien Migrant*innen in Deutschland nutzen, um sich von anderen Migrant*innen abzugrenzen. Wir konzentrieren uns dabei auf die größten nahöstlichen Neuzuwander*innengruppen: Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran, die nach 2011 nach Deutschland kamen.

Schlagworte

Rassismus
Transnationalität

Autor*innen

Herbert Brücker
Nader Talebi
Ramona Rischke
Julia Kleinewiese
Ali Niroumand
Firoozeh Farvardin
Golriz Esmaeilpour

Kooperierende

 

 

Ergebnisse

Die eigene Migrationsroute und Erfahrungen in den Herkunfts- und Transitländern beeinflussen, wie Rassismus und Antirassismus unter Migrant*innen in Deutschland ausgeprägt ist. Je nachdem, in welchen Ländern eine Person gelebt hat, war sie beispielsweise mit verschiedenen Arten von Nationalismus konfrontiert, die jeweils mit unterschiedlichen Formen der Abgrenzung von vermeintlich "Anderen" einhergehen.

Auch politische, ethnische und religiöse Grenzen spielen eine Rolle – aber nicht für alle Migrant*innen auf die gleiche Art. Für manche Syrer*innen ist die Frage, ob ein*e Iraner*in das aktuelle syrische Regime unterstützt oder nicht, mit großer Wahrscheinlichkeit relevanter als ethnische oder religiöse Fragen. Andererseits ist für manche Iraner*innen aufgrund der langen Geschichte des anti-arabischen Rassismus‘ im Iran die politische Position der Syrer*innen, die sie treffen, weniger wichtig als deren rassifizierte Herkunft bzw. Ethnizität.

Weitere zentrale Faktoren sind bestehende (rassistische) Diskurse über Zuwanderung in Deutschland, beispielsweise das dominante Narrativ von "guten" vs. "schlechten" Migrant*innen, sowie institutionelle Praktiken, die auf den dominanten Diskursen aufbauen, etwa die Verteilung sozioökonomischer Teilhabechancen auf Grundlage von Nationalitäten.

Überraschende Einsichten

Wir hatten erwartet, dass sub-religiöse Unterschiede beispielsweise zwischen Schiiten und Sunniten bei Abgrenzungsstrategien eine wichtige Rolle spielen würden. Doch die Ergebnisse zeigen, dass andere Unterschiede und Gemeinsamkeiten viel wichtiger sind, zum Beispiel Klassenunterschiede und die politische Haltung. Dies ist besonders interessant, weil es verbreitete Narrative über den Konflikt im Nahen Osten in Frage stellt, nach denen ein ewiger konfessioneller Krieg und eine Trennung entlang religiöser Linien besteht.

Außerdem hatten wir vermutet, dass sich die dominanten rassistischen Diskurse in Deutschland direkter auf die Abgrenzungsstrategien von Migrant*innen auswirken würden, beispielsweise die weit verbreitete Islamophobie. Indirekte Auswirkungen durch staatliche und transnationale Migrationspolitiken sind jedoch ebenfalls von großer Bedeutung.

Bedeutung für die Praxis

Unsere Ergebnisse machen darauf aufmerksam, dass Rassismus nicht nur von der Aufnahmegesellschaft ausgeht: Rassismus hat auch inter-migrantische Dimensionen. Deshalb ist es wichtig, transnationale Räume und Gemeinschaften zu fördern, um antirassistische Allianzen sowohl unter Migrant*innen selbst, als auch mit der Aufnahmegesellschaft zu stärken.

Ein weiteres Ergebnis des Projekts ist, dass sich politische Maßnahmen auch darauf auswirken, wie Rassismus unter Migrant*innen in Deutschland reproduziert wird, beispielsweise die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Bleibeperspektiven auf der Grundlage des Herkunftslandes. Diese Erkenntnis sollte in die Bewertung der Maßnahmen einfließen.