Mentale Repräsentationen von rassistischer Ungleichheit in Deutschland

Mentale Repräsentationen spiegeln gesellschaftliche Strukturen und geteilte Wissensbestände über Gruppen wider und tragen so dazu bei, dass Rassismus aufrechterhalten wird. Um ihre Ursachen und Konsequenzen für Betroffene in Deutschland zu erfassen, entwickelt das DeZIM.lab unterstützt durch den Rassismusmonitor die Plattform MIND.set. MIND.set ermöglicht es mentale Repräsentationen durch indirekte, verhaltensnahe Messverfahren zu erheben, die beispielsweise anhand Reaktionszeiten, spontanen Entscheidungen, oder Erinnerungsleistungen erfasst werden. Mit MIND.set können derzeit fünf verschiedene indirekte Messverfahren unkompliziert in Onlineumfragen eingebunden werden. Sie können damit sowohl für große, repräsentative als auch kleine, schwer zu erreichende Populationen angewendet werden. 

Leitende Forschungsfragen

  • Wie können indirekte Messverfahren zur Erfassung von mentalen Repräsentationen in Onlineumfragen nutzbar gemacht werden? 
  • Welche Ursachen und Konsequenzen haben geteilte Repräsentationen von Bevölkerungsgruppen in Deutschland für Betroffene von Rassismus? 

Projektbeschreibung

Im alltäglichen Leben erhalten Personen über Beobachtungen, Begegnungen, Erzählungen und Diskurse Eindrücke von sozialen Gruppen in unserer Gesellschaft. Diese prägen mentale Repräsentationen von Bevölkerungsgruppen, die nur geringen Zusammenhang mit ihren expliziten Vorurteilen in Fragebögen aufweisen. Diese sogenannten impliziten Einstellungen sind Assoziationen und Reaktionen, die automatisch und oft unbewusst bei der Begegnung mit Person oder Personengruppe entstehen (Gawronski & Bodenhausen, 2006). Zum Beispiel kommen vielen Menschen stereotype Begriffe in den Sinn, wenn sie Bildern von rassistisch markierten Personen begegnen oder ihnen ausgesetzt sind. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass implizite Einstellungen statt individueller Vorurteile eher strukturelle Begebenheiten, öffentliche Diskurse über Gruppen, geteilte Wissensbestände, und institutionellen Rassismus widerspiegeln und diese verstärken können (Banaji et al., 2021; Payne et al., 2017). Forschungsgegenstand des Projektes ist es a) mentale Repräsentationen in Form von impliziten Einstellungen messbar und b) ihre Beziehungen zu Rassismus in gesellschaftlichen Strukturen und Alltagserfahrungen sichtbar zu machen.

Um mentale Repräsentationen zu messen, werden u.a. indirekte Messverfahren eingesetzt. In einer Kurzstudie des Rassismusmonitors wurde deshalb der Grundstein für das Projekt MIND.set gelegt. MIND.set ist seit 2021 ein Haushaltsprojekt des DeZIM.lab und wird in enger Zusammenarbeit mit dem Experimente-Modul des Rassismusmonitors weiterentwickelt. MIND.set ist eine Plattform, die ermöglicht indirekte Messverfahren unkompliziert und ohne Programmierkenntnisse in Onlineumfragen einzubinden. Anstatt direkter Fragen und explizites Antwortverhalten erfassen indirekte Messverfahren verhaltensnahe, automatische und spontane Reaktionen von Befragten, die Auskunft darüber geben, welche Assoziationen mit bestimmten Bevölkerungsgruppen leicht zugänglich und abrufbar sind (Gawronski & Hahn, 2019). Sie bieten so die Möglichkeit mentale Repräsentationen ohne explizites Benennen der Zielgruppen durch die Nutzung von Bildmaterial zu erheben. Dabei können sie typische Schwierigkeiten expliziter Einstellungsmaße umgehen, wie sozial erwünschtes Antwortverhalten oder die Voraussetzung, sich der eigenen Vorurteile bewusst zu sein.  

Indirekte Messverfahren treffen nur bedingt Aussagen über eine dauerhafte oder situationsunabhängige Einstellung der befragten Personen auf individueller Ebene. Auf Gruppenebene beschreiben sie jedoch geteilte Assoziationen in einem sozialen Umfeld (Calanchini et al., 2022). Daten aus den USA von Millionen Antwortenden zeigen zum Beispiel, dass geteilte negative Assoziationen von weißen gegenüber Schwarzen US-Amerikaner*innen auf regionaler Ebene stark mit aktuellem und in der Geschichte verankertem Rassismus zusammenhängt (siehe z. B. Hehman et al., 2019; Payne et al., 2019). Um gesellschaftliche Auswirkungen von mentalen Repräsentationen zu untersuchen, ist es deshalb wichtig, sie in großflächig angelegte Studien einzubinden. Bislang gibt es keine entsprechenden Daten für Deutschland. Zusätzlich ist unklar, inwiefern implizite Einstellungen in sozialen Umgebungen auch direkte spürbare Konsequenzen für Betroffene haben, die über Interaktionen mit rassistisch-motivierten Einzelpersonen hinaus gehen. So könnten geteilte implizite Einstellungen gegenüber einer Gruppe in einer Umgebung Erfahrungen Betroffener in alltäglichen Interaktionen oder struktureller Benachteiligung in Institutionen vorhersagen. Der Rassismusmonitor bietet gemeinsam mit MIND.set die Gelegenheit, dieser Forschungsfrage nachzugehen.

Um diese Forschungslücke zu schließen, untersucht das Projekt, inwiefern indirekte Messverfahren mentale Repräsentationen von bestimmten Bevölkerungsgruppen auf regionaler Ebene in Deutschland aufdecken und verbinden diese mit den Perspektiven und Erfahrungen weißer und rassistisch markierter Personen. Die Plattform MIND.set soll den Einsatz indirekter Messverfahren in online Befragungen ermöglichen, um Ursachen und Auswirkungen von impliziten Einstellungen in großen repräsentativen Stichproben zu untersuchen. 

Geplant ist die Implementierung der Verfahren im Rassismusmonitor. Dadurch werden erstmals indirekte Messverfahren mit dem Fokus auf verschiedene Bevölkerungsgruppen großflächig in Deutschland erhoben und mittelfristig auch ihre Veränderung über die Zeit betrachtet. Aufgrund der Überrepräsentation von potentiell von Rassismus betroffenen Befragten in der Stichprobe können unterschiedliche Perspektiven Beachtung finden und die Ergebnisse mit den Daten Betroffener in Beziehung gesetzt werden.

Im Rahmen der Entwicklung der Plattform wurde bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um optimale Bedienbarkeit und hohe Datenqualität bei online-Befragungen zu sichern. In einer Validierungsphase werden umfangreiche Evaluierungen aller Messverfahren durchgeführt, um sicherzustellen, dass die mobile Version reibungslos funktioniert und eine optimale Benutzendenerfahrung bietet. Darüber hinaus wurden fünf verschiedene indirekte Messverfahren getestet, die auf Reaktionszeiten, Entscheidungsverhalten und Informationsverarbeitung basieren. Diese Verfahren und entsprechendes Bildmaterial wurden speziell für den deutschen Kontext entwickelt und getestet. Auf Basis dieser Evaluationen wird die Plattform optimiert.  

Anschließend werden Tests zur Implementierung von Studien im Rassismusmonitor entwickelt und eingesetzt. Die Erhebung und Auswertung der indirekten Messverfahren erfolgen nach neuesten wissenschaftlichen Standards hinsichtlich regionaler Einstellungsmuster auf Kreis- und Bundeslandebene (Calanchini et al., 2022; Hehman et al., 2019). Die Studien geben Auskunft zu der Beziehung zwischen mentalen Repräsentationen von rassifizierten Minderheiten und Diskriminierungserfahrung in alltäglichen Interaktionen und Behören in Deutschland.

 

MIND.set befindet sich in der Testphase und weitere Entwicklungsschritte werden ergriffen, um die Nutzung zu erweitern und optimieren. Auf der Plattform stehen fünf verschiedene Messverfahren zur Verfügung, die unterschiedliche Formen impliziter Einstellungen beleuchten: Impliziter Assoziationstest (Greenwald et al. 1998), Affect-Misattribution Procedure (Payne et al., 2005), Police Officer Dilemma (Correll et al., 2002), Avoidance Task (Essien et al., 2017), Source Monitoring Paradigma (z.B. Hechler et al., 20168).  

Erste Ergebnisse zeigen, dass unterschiedlicher indirekte Maße über MIND.set erfolgreich implementiert werden konnten. Die Einbindung der fünf Messverfahren in online-Umfragen ergab, dass die Testverfahren auch auf mobilen Endgeräten vergleichbare Ergebnisse produzieren. Dort zeigten sich konsistent stereotype Repräsentationen von rassistisch markierten Minderheiten im Vergleich zur weißen Mehrheitsgesellschaft in Reaktionszeiten zu Wort und Bildpaarungen, in Entscheidungsverhalten und in Gedächtnisaufgaben.  Es hat bereits ein erster interner Workshop am DeZIM stattgefunden, um den Zugang für andere Forschende zu ermöglichen.

Die Einbindung in den Rassismusmonitor ermöglicht es, Informationen und Erkenntnisse über rassistische mentale Repräsentationen in der Gesellschaft zu gewinnen und auf dieser Grundlage gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus zu entwickeln. Die Verfügbarkeit der Messverfahren können in Kooperation mit Expert*innen auch in spezifischen Kontexten angewandt werden, wie zum Beispiel im Gesundheitskontext, was die Behandlung von rassistisch markiertem Patienten*innen beeinflussen kann (Forgiarini et al., 2011). Wissen um kontextspezifische implizite Einstellungen kann reflektiert und gezielt entgegengewirkt werden (Hahn & Gawronski, 2019). So kann das Bewusstsein über sie für Interventionen gegen Diskriminierung in Organisationen genutzt werden und letztendlich auch Entscheidungen von Praktiker*innen beeinflussen (Greenwald et al., 2022). 

Indirekte Messverfahren: Kognitionspsychologische Tests, die Assoziationen oder mentale Repräsentationen über Reaktionszeiten, Entscheidungsverhalten und Informationsverarbeitungsmechanismen erheben.

Implizite Vorurteile: Mentale Repräsentationen von sozialen Gruppen, die zugängliche und leicht abrufbare Assoziationen von Gruppen mit Eigenschaften oder Evaluationen (positiv/ negativ) spiegeln. 

Forschungsstrategien und Methoden

Ansprechpartner*innen

Dr. Stefanie Hechler

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Cluster "Daten - Methoden - Monitoring"
Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Lydia Schäfer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Dr. Susanne Veit

Co-Leiterin Cluster DMM & Leiterin DeZIM.lab
Cluster "Daten - Methoden - Monitoring"

Kooperationspartner:

Dr. Iniobong Essien (Leuphana Universität Lüneburg)

Ausgewählte Literatur

  • Banaji, M. R., Fiske, S. T., & Massey, D. S. (2021). Systemic racism: Individuals and interactions, institutions and society. Cognitive Research: Principles and Implications, 6(1), 82. https://doi.org/10.1186/s41235-021-00349-3 

  • Calanchini, J., Hehman, E., Ebert, T., Esposito, E., Simon, D., & Wilson, L. (2022). Chapter Five - Regional intergroup bias. In Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 66, pp. 281–337). https://doi.org/10.1016/bs.aesp.2022.04.003 

  • Correll, J., Park, B., Judd, C. M., & Wittenbrink, B. (2002). The police officer’s dilemma: Using ethnicity to disambiguate potentially threatening individuals. Journal of Personality and Social Psychology, 83(6), 1314–1329. https://doi.org/10.1037/0022-3514.83.6.1314 

  • Essien, I., Stelter, M., Kalbe, F., Koehler, A., Mangels, J., & Meliß, S. (2017). The shooter bias: Replicating the classic effect and introducing a novel paradigm. Journal of Experimental Social Psychology, 70, 41–47. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2016.12.009 

  • Forgiarini, M., Gallucci, M., & Maravita, A. (2011). Racism and the empathy for pain on our skin. Frontiers in Psychology, 2, 108. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00108 

  • Gawronski, B., & Bodenhausen, G. V. (2006). Associative and propositional processes in evaluation: An integrative review of implicit and explicit attitude change. Psychological Bulletin, 132(5), 692–731. https://doi.org/10.1037/0033-2909.132.5.692 

  • Gawronski, B., & Hahn, A. (2019). Implicit Measures. In H. Blanton (Ed.), Measurement in Social Psychology (pp. 29–55). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429452925-2 

  • Greenwald, A. G., Dasgupta, N., Dovidio, J. F., Kang, J., Moss-Racusin, C. A., & Teachman, B. A. (2022). Implicit-Bias Remedies: Treating Discriminatory Bias as a Public-Health Problem. Psychological Science in the Public Interest : A Journal of the American Psychological Society, 23(1), 7–40. https://doi.org/10.1177/15291006211070781 

  • Hahn, A., & Gawronski, B. (2019). Facing one’s implicit biases: From awareness to acknowledgment. Journal of Personality and Social Psychology, 116(5), 769–794. https://doi.org/10.1037/pspi0000155 

  • Hechler, S., Neyer, F. J., & Kessler, T. (2016). The infamous among us: Enhanced reputational memory for uncooperative ingroup members. Cognition, 157, 1-13. https://doi.org/http://dx.doi.org/10.1016/j.cognition.2016.08.001 

  • Hehman, E., Calanchini, J., Flake, J. K., & Leitner, J. B. (2019). Establishing construct validity evidence for regional measures of explicit and implicit racial bias. Journal of Experimental Psychology. General, 148(6), 1022–1040. https://doi.org/10.1037/xge0000623 

  • Payne, B. K., Cheng, C. M., Govorun, O., & Stewart, B. D. (2005). An inkblot for attitudes: Affect misattribution as implicit measurement. Journal of Personality and Social Psychology, 89(3), 277–293. https://doi.org/10.1037/0022-3514.89.3.277 

  • Payne, B. K., Vuletich, H. A., & Brown-Iannuzzi, J. L. (2019). Historical roots of implicit bias in slavery. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 116(24), 11693–11698. https://doi.org/10.1073/pnas.1818816116 

  • Payne, B. K., Vuletich, H. A., & Lundberg, K. B. (2017). The Bias of Crowds: How Implicit Bias Bridges Personal and Systemic Prejudice. Psychological Inquiry, 28(4), 233–248. https://doi.org/10.1080/1047840X.2017.1335568