Fünf Jahre NaDiRa – Rassismus erfassen, Politik bewegen

Eine Fachveranstaltung des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors

Am Dienstag, 28. Oktober 2025, lud der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) anlässlich seines fünfjährigen Bestehens zu einer Fachveranstaltung in Berlin ein. Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um die bisherigen Entwicklungen des Monitors zu reflektieren, Forschungsergebnisse zu diskutieren und Perspektiven für die kommenden Jahre zu skizzieren.

Programm

 

18:00 Uhr – Begrüßung und Einführung

Dr. Cihan Sinanoğlu (Leiter NaDiRa)

In seiner Begrüßung erläuterte Dr. Cihan Sinanoğlu,  dass der Monitor in einer Zeit entstanden ist, in der rassistische Gewalt und gesellschaftliche Polarisierung die Notwendigkeit deutlich machten, Rassismus systematisch zu erfassen und wissenschaftlich zu verstehen. Der NaDiRa erhebt Daten zu Rassismus in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen – darunter Arbeit, Bildung, Wohnen und Gesundheit – und stellt diese für Forschung, Politik und Verwaltung bereit. Ziel sei es seither, auf einer soliden Datenbasis Wissen zu schaffen, das gesellschaftliches Handeln ermöglicht.

Heute ist NaDiRa zu einer tragenden wissenschaftlichen Infrastruktur geworden. Mit jährlichen Monitoringberichten, thematischen Studien und dem NaDiRa-Panel, der größten Längsschnittbefragung von rassismusbetroffenen Personen in Deutschland, liefert das Projekt kontinuierlich Daten über Ursachen, Ausmaß und Folgen von Diskriminierung. Diese Ergebnisse fließen in Politik, Verwaltung und Praxis ein und stärken den gesellschaftlichen Diskurs.

Dr. Sinanoğlu betonte, dass Demokratie auf Wissen angewiesen sei, weil nur Daten Vertrauen schaffen und Handlungsspielräume eröffnen können.

„Rassismus ist kein Randthema – er ist eine der Zukunftsfragen unserer Demokratie. NaDiRa zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln. Mit verlässlichen Daten, differenzierten Analysen und der Perspektive Betroffener trägt der Monitor dazu bei, gesellschaftliche Debatten zu versachlichen, evidenzbasierte Entscheidungen zu ermöglichen und Verantwortung in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.“

Dr. Cihan Sinanoğlu

18:15 Uhr – Impuls 

Prof. Dr. Mehrdad Payandeh (Bucerius Law School Hamburg) 

Ein Höhepunkt des Abends war der Impulsvortrag von Prof. Dr. Mehrdad Payandeh in dem er die Arbeit des NaDiRa aus Sicht des internationalen Rechts beleuchtete und zeigte, dass der Monitor weit über die nationale Ebene hinaus Bedeutung hat.

Prof. Dr. Payandeh verwies auf das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form rassistischer Diskriminierung (International Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination, ICERD), das Deutschland völkerrechtlich bindet. Dieses Abkommen geht über den Schutz des Grundgesetzes hinaus, weil es Rassismus als strukturelles und institutionelles Phänomen versteht. Es verlangt von den Staaten, nicht nur Diskriminierung zu verbieten, sondern aktiv Bedingungen zu schaffen, die gleiche Teilhabe ermöglichen. Dazu gehört auch die Pflicht, differenzierte Daten zu erheben, die das Ausmaß und die Wirkung rassistischer Benachteiligung sichtbar machen.

NaDiRa erfüllt genau diese Anforderung. Durch seine umfassenden Datenerhebungen trägt der Monitor dazu bei, dass Deutschland seine internationalen Verpflichtungen einhält und politische Maßnahmen auf eine empirische Grundlage stellen kann. Prof. Dr. Payandeh hob hervor, dass NaDiRa die abstrakten Vorgaben des Abkommens mit Leben füllt, indem es strukturelle Ungleichheiten empirisch nachweist und damit politischen Handlungsbedarf deutlich macht.

Er betonte, dass der Monitor ein entscheidendes Instrument ist, um die Empfehlungen des UN-Antirassismusausschusses umzusetzen. Diese betreffen insbesondere den Umgang mit rassistischer Hassrede, Racial Profiling und der sozialen Lage von Minderheiten wie Sinti:zze und Rom:nja. Durch seine Arbeit helfe NaDiRa, Lücken zu schließen, die internationale Gremien in Deutschland seit Jahren kritisieren.

Gleichzeitig wies Prof. Dr. Payandeh auf einen wichtigen Paradigmenwechsel hin. Rassismus werde im Völkerrecht nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als gesellschaftliches System verstanden. Indem NaDiRa diese Perspektive in der deutschen Forschung verankert, stärkt er das Bewusstsein für die strukturelle Dimension von Rassismus und leistet damit einen Beitrag zur demokratischen Kultur und internationalen Glaubwürdigkeit Deutschlands.

„Aus internationaler Perspektive und speziell aus der Sicht des UN-Antirassismusausschusses stellt der NaDiRa eine wichtige Errungenschaft dar. Er trägt zur Erfüllung der völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands und damit auch zum internationalen Ansehen und zur Glaubwürdigkeit des Landes bei. Gleichzeitig unterstützt er zivilgesellschaftliche Akteur*innen dabei, Diskriminierung sichtbar zu machen, und bietet der Politik eine verlässliche Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen.“

Prof. Dr. Mehrdad Payandeh

18:30 Uhr – Paneldiskussion mit Publikumsrunde

Teilnehmende:

  • Natalie Pawlik, Antirassismusbeauftragte der Bundesregierung 

  • Thomas Heppener, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 

  • Helge Lindh, MdB (SPD)

  • Max Landero, Staatssekretär für Integration, Antidiskriminierung und Vielfalt, Berlin 

  • Dr. Jannes Jacobsen (stellver. Wissenschaftliche Geschäftsführung DeZIM) 

Moderation: Gilda Sahebi

In der Diskussion wurden die bisherigen Erkenntnisse des NaDiRa erörtert und ihre Bedeutung für Politik und Verwaltung diskutiert. Thematisiert wurde insbesondere, wie wissenschaftliche Ergebnisse noch stärker in politische Entscheidungsprozesse integriert werden können. Außerdem wurde die Bedeutung des Dialogs mit betroffenen Communities betont, um Vertrauen in Forschung und Institutionen zu fördern. Ein weiterer Schwerpunkt war die langfristige Finanzierung des Monitors. 

Für die kommenden Jahre plant NaDiRa, seine Arbeit zu vertiefen und unter anderem die Zusammenhänge zwischen Rassismus und Antisemitismus in einer postmigrantischen Gesellschaft zu untersuchen. Die hohe wissenschaftliche Qualität und gesellschaftliche Bedeutung dieser Arbeit wurden auch vom Wissenschaftsrat hervorgehoben, der eine dauerhafte Förderung empfohlen hat.

19:30 Uhr – Empfang

Austausch und Vernetzung

Der Empfang bot Gelegenheit zu Gesprächen und fachlichem Austausch zwischen den Teilnehmenden aus Wissenschaft, Politik und Praxis.

Fazit: Wissen schafft Vertrauen

Der NaDiRa hat sich in den vergangenen fünf Jahren als wichtige wissenschaftliche und institutionelle Grundlage für die Analyse von Rassismus in Deutschland etabliert. Durch die Verbindung von Forschung, Datenanalyse und Kooperation unterstützt er Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft dabei, Entwicklungen evidenzbasiert nachzuvollziehen und Maßnahmen sachgerecht weiterzuentwickeln. Er steht für die Überzeugung, dass Wissen und Demokratie untrennbar zusammengehören und dass Veränderung möglich ist, wenn Erkenntnis und Verantwortung zusammenfinden.

Hintergrund: Der NaDiRa 

Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) wurde 2020 gegründet, um eine verlässliche empirische Grundlage zur Analyse von Rassismus und Diskriminierung in Deutschland zu schaffen. Anlass waren unter anderem die Anschläge von Halle und Hanau sowie gesellschaftliche Debatten im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste. Der Monitor folgt dem Auftrag der Bundesregierung, Rassismus als gesellschaftliche Realität systematisch zu erfassen.

Aufgaben und Strukturen:

  • Erhebung von Daten in den Bereichen Arbeit, Bildung, Wohnen und Gesundheit

  • Regelmäßige Berichte zu Einstellungen und Diskriminierungserfahrungen

  • NaDiRa-Panel: Längsschnittbefragung von Personen, die Rassismus erfahren

  • Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft

Der Wissenschaftsrat hat die wissenschaftliche Qualität und gesellschaftliche Relevanz des Monitors bestätigt und eine dauerhafte Förderung empfohlen.

 

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