Wie wird Zugehörigkeit in Literatur und Film verhandelt? Welche Geschichten werden erzählt – und welche bleiben unsichtbar? Diese Fragen standen im Zentrum der Podiumsdiskussion „Postmigrantisches Erzählen“, die am 6. November 2025 im DeZIM-Institut stattfand.
Gemeinsam mit der Autorin Fatma Aydemir und der Regisseurin Bahar Bektaş diskutierte Dr. Rosa Burç über Narrative von Sichtbarkeit und Ausgrenzung sowie über Spannungsfelder innerhalb intermigrantischer Beziehungen.
Podiumsdiskussion „Postmigrantisch Erzählen: Ausschluss, Sichtbarkeit und narrative Aushandlung in Literatur, Film und Wissenschaft.“
Die Veranstaltung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Intermigrantische Rassismen und Solidaritäten in der postmigrantischen Gesellschaft“, das Teil des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) ist. Das Projekt untersucht am Beispiel minorisierter Communitys mit Türkeibezug rassistische Gleichzeitigkeiten und solidarische Strategien in der postmigrantischen Gesellschaft.
Programm
- 18:00 Uhr – Begrüßung durch Dr. Noa K. Ha, Wissenschaftliche Geschäftsführerin des DeZIM-Instituts
- 18:05 Uhr – Einführung in das Forschungsprojekt „Intermigrantische Rassismen und Solidaritäten in der postmigrantischen Gesellschaft“, Dr. Rosa Burç
- 18:15 Uhr – Podiumsgespräch inkl. Lesung aus „Dschinns“ von Fatma Aydemir, Vorstellung des Dokumentarfilms „Exile Never Ends“ von Bahar Bektaş und Q&A
- 19:30 Uhr – Empfang und informeller Ausklang
Auftakt und Einführung
Nach einer Begrüßung durch Dr. Noa K. Ha, die den Abend offiziell eröffnete, führte Dr. Rosa Burç in die thematischen und forschungsbezogenen Hintergründe der Veranstaltung ein. Ihr Projekt untersucht, wie sich in der postmigrantischen Gesellschaft rassistische Erfahrungen und solidarische Allianzen überschneiden und welche Rolle Erzählungen dabei spielen kann.
Narrative haben auch in der Wissenschaft einen erkenntnistheoretischen Wert. Wie erzählen Menschen ihre eigene Biografie, was wird ausgelassen und was hervorgehoben, wie verorten sie sich geographisch, erinnungspolitisch und affektiv vor dem Hintergrund transnationaler Rassismen und Solidaritäten?
Erzählen als Praxis
Fatma Aydemir beschrieb das Erzählen als Form des Widerstands und der Sensibilisierung. Sie schreibe über Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld.
Bahar Bektaş ergänzte, dass sie Beobachtungen aus ihrer sozialpädagogischen Arbeit in künstlerische Formen überführe, um Leerstellen zu füllen.
„Hypersensibel durch die Welt zu gehen ist anstrengend, aber notwendig, um komplexe Lebensrealitäten sichtbar zu machen.“
„Ich wollte das Unsagbare sagbar machen – nicht als Anklage, sondern als Einladung, hinzusehen.“
Postmigrantische Selbstverortung
Auf die Frage, ob sie sich als postmigrantische Erzählerinnen verstehen, antwortete Aydemir, sie habe kein Problem mit dem Begriff, identifiziere sich jedoch nicht notwendigerweise damit. Der Begriff ermögliche Sichtbarkeit, könne aber auch Zuschreibungen verstärken.
Lesung und künstlerische Zugänge
In einer Lesung aus ihrem Roman „Dschinns“ reflektierte Aydemir über das Ineinandergreifen von Rassismus-, Gender- und Migrationserfahrungen. Diese Themen seien, so Aydemir, „organisch miteinander verwoben“. Diese Vielschichtigkeit spiegele die Realität multiperspektivischer Lebenswelten wider.
Bektaş stellte anschließend ihren Film „Exile Never Ends“ vor, der auf der Fluchtgeschichte ihrer Familie basiert. Sie sprach über Schweigen, Leerstellen und Unausgesprochenes – insbesondere über das Massaker von Dersim und die Erfahrung des Exils. Exil bedeute, so Bektaş, eine „ständige innere Flucht, bei der Heimat nie eindeutig verortet ist“.
Transformation und Zugehörigkeit
Im Gespräch über die Wirkungen ihrer Arbeit hob Aydemir hervor, Transformation sei kein Ziel, sondern eine mögliche Folge ehrlicher Erzählung. Ihre Literatur könne dennoch dazu beitragen, Bewusstsein für intermigrantische Rassismen zu schaffen.
Bektaş sprach über den doppelten Erwartungsdruck zwischen kurdischer Community und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Insbesondere zeige auch dieses Spannungsfeld die Komplexität postmigrantischer Identität sichtbar mache.
Stimmen aus dem Publikum
In der anschließenden Diskussion diskutierten die Gäste mit dem Publikum über das Sprechen und das Schweigen als Möglichkeiten und Grenzen des Widerstands, Produktionsbedingungen im Kulturbereich und die Bedeutung künstlerischer Arbeit für junge Menschen.
Ausblick
Die Veranstaltung verdeutlichte, dass postmigrantisches Erzählen weit über Repräsentation hinausgeht. Es eröffnet Räume des Erinnerns, Widersetzens und der Selbstermächtigung und auch Räume, in denen Vielstimmigkeit und Ambivalenz produktiv werden.
Mit der Verbindung von Forschung, Literatur und Film brachte die Diskussion wissenschaftliche und künstlerische Perspektiven auf Diaspora, Exil, Migration und Rassismus in einen wertvollen Dialog.
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