Glossar für die Website Rassismusmonitor
Dieses Glossar dient der Einordnung gängiger Begriffe der Diskriminierungs- und Rassismusforschung in Deutschland. Die Einträge stellen den aktuellen Stand der Forschung dar, sind aber nicht als abschließend zu verstehen und können ergänzt oder überarbeitet werden. Es deckt sowohl konzeptionell als auch methodische Kategorien ab.
Sollten Ihnen etwas auffallen, wenden Sie sich gerne an: rassismusmonitor(at)dezim-insitut.de
Adultismus bezeichnet Diskriminierung aufgrund des Alters. Hauptsächlich handelt es sich dabei um die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene. Adultismus benennt eine Form des Machtmissbrauchs derjenigen, die aufgrund ihres Alters mit mehr Selbst- und Mitbestimmungsrechten ausgestattet sind, an zumeist Minderjährigen.
Quellen:
- Ritz, Manuela/Schwarz, Simbi (2022): Adultismus und kritisches Erwachsensein. Hinter (auf-)geschlossenen Türen, Münster: Unrast.
Antisemitismus fungiert als hegemonialer Welterklärungsdiskurs, der durch die Personalisierung abstrakter Prozesse (Adorno 2024; Horkheimer & Adorno 2022) eine manichäische Einteilung der Welt in Gut und Böse vornimmt. Als Brückenideologie verbindet er Milieus, indem er die Figur des Dritten (Holz, 2001) als universelles Feindbild nutzt, um interne Widersprüche durch pathische Projektion nach außen abzuwehren. In der postmigrantischen Gesellschaft ermöglicht er über Umwegkommunikation (Bergmann, 1986) einen falschen Konsens, der sowohl der Schuldabwehr der Mehrheitsgesellschaft als auch der Verarbeitung von Marginalisierungserfahrungen (Messerschmidt, 2014) durch Opferkonkurrenz dienen kann.
Über diesen diskursiven Kern hinaus manifestiert sich Antisemitismus als reale soziale Praxis und als institutionelles Gewaltverhältnis, das den Alltag betroffener Jüdinnen und Juden durch Diskriminierung, Ausgrenzung und physische Angriffe massiv einschränkt. Er ist durch eine Gojnormativität strukturiert, welche nicht-jüdische Lebensweisen als unsichtbare, privilegierte Norm setzt und jüdische Erfahrung entweder unsichtbar macht oder als abweichenden Sonderfall markiert (Coffey & Laumann, 2023; Kranz & Schaum, 2024). In seiner radikalsten Form bleibt er ein eliminatorisches Projekt, das über die Reaktualisierung antijudaistischer Motive auf die physische Vernichtung abzielt.
Quellen:
- Adorno, T. W. (2024). Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. Suhrkamp.
- Bergmann, W., & Erb, R. (1986). Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 38(2), 223–246.
- Coffey, J., & Laumann, V. (2023). Gojnormativität: Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen (2. Aufl.). Berlin: Verbrecher Verlag.
- Holz, K. (2001). Nationaler Antisemitismus: Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburger Edition.
- Horkheimer, M., & Adorno, T. W. (2022). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (26. Aufl.). Fischer Taschenbuch Verlag.
- Kranz, D., & Schaum, I. (2024). Leerstelle jüdische Gegenwart, Leerstelle Israel: Gojnormativität, Antisemitismus- und Rassismusforschung. In RfM-Debatte 2024: Für eine stärkere Verbindung von Rassismus- und Antisemitismusforschung. Berlin: Rat für Migration e.V.
- Messerschmidt, A. (2014). Bildungsarbeit in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus. Aus Politik und Zeitgeschichte, 64(28–30), 38–44.
Das Akronym BIPoC steht für „Black, Indigenous, People of Color“. Bei den Bezeichnungen „Schwarz“, „indigen“ und PoC „People of Color“ handelt es sich um politische Selbstbezeichnungen von Menschen, die Rassismus erfahren. Die Abkürzung entstand innerhalb von antirassistischen Kämpfen der 1960er Jahre in den Vereinigten Staaten und betont die gemeinsamen Erfahrungen und politischen Allianzen.
Die Bezeichnung PoC wird in Deutschland seit den 1990er Jahren zunehmend verwendet. Die Selbstbezeichnung machte sichtbar, dass Rassismus auch nach 1945 fortwirkte und häufig durch ein unreflektiertes, als „neutral" verstandenes Weißsein verdeckt wird. Auch vor diesem Bündnisbegriff gab es schon Begriffe, mit denen sich migrantisierte Menschen selbst bezeichneten und so gegen rassistische Fremdzuschreibungen zur Wehr setzten, wie beispielsweise Afro-Deutsche/Schwarze Deutsche, Kanak/Kanake und Asiatische Deutsche.
Quellen:
- Eggers, Maureen Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (Hg.) (2020): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, 3. Auflage, Münster: Unrast.
- Ha, Noa K. „People of color.” Inventar der Migrationsbegriffe, www.migrationsbegriffe.de/peopleofcolor, (letzter Zugriff: 13.11.2023) (2023).
- Kilomba, Grada (2008): Plantation Memories: Episodes of Everyday Racism, Münster: Unrast.
Der Begriff „colorblindness“ beschreibt das Phänomen, rassistische Machtverhältnisse auszublenden. Typische Aussagen in diesem Kontext sind: „Für mich sind alle Menschen gleich“ oder „Ich sehe keine Hautfarben“. Auch wenn eine gute Intention dahinterstecken mag, konzeptionell von einer universalen Gleichstellung aller Menschen auszugehen, führt eine solche Perspektive dazu, dass tatsächlich existierende Unterschiede und Ungleichbehandlungen geleugnet werden und ein Sprechen darüber und Handeln dagegen erschwert werden.
Quellen:
- Bonilla-Silva, Eduardo (2003): Racism Without Racists. Color-blind Racism and the Persistence of Racial Inequality in America, Lanham: Rowman & Littlefield.
- Carr, Leslie G. (1997): "Color-blind" Racism, Thousand Oaks, Cal.: Sage.
Im Unterschied zu anderen partizipativen Forschungsansätzen sieht die Community-basierte partizipative Forschung (CBPR) vor, Communities mit forschungsrelevanten Erfahrungen und – je nach Studiendesign – auch die Praxis möglichst am gesamten Forschungsprozess zu beteiligen. Beteiligung ist an der Entwicklung der Forschungsfragen, der Datenerhebung und -analyse sowie der Interpretation und Verwertung der Forschungsergebnisse vorgesehen. Ziel ist es hierbei, gemeinsam neues Wissen zu kreieren, die Ermächtigung aller Beteiligten zu fördern und Handlungsstrategien zur Verbesserung der sozialen Lage beteiligter Communities zu entwickeln. Die methodologischen Prinzipien von CBPR beinhalten eine explizite Aufforderung, Machtaspekte und Benachteiligung im Hinblick auf verschiedene Dimensionen (inklusive race) in jeder Forschungsphase kritisch zu reflektieren. CBPR nimmt somit den Forschungsprozess selbst in den Blick, da Rassismen und andere Prozesse, die gesellschaftliche Ungleichheit verursachen, auch in der Zusammenarbeit während des Forschungsprozesses reproduziert werden können.
Quellen:
- Von Unger, Hella (2014): Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis, Wiesbaden: Springer VS.
Der Begriff „Diaspora“ kommt aus dem Griechischen und steht für Zerstreuung oder Verbreitung. Ursprünglich wurde er benutzt, um das Exil von Jüdinnen und Juden und ihre Zerstreuung in verschiedene Weltteile zu beschreiben. Damals hatte der Begriff vordergründig eine negative Assoziation, da er für das unfreiwillige Leben im Exil stand (Mayer 2015: 8). Mittlerweile hat sich die Verwendung und Bedeutung des Begriffs weiterentwickelt und geöffnet und wird stetig weiter ausgehandelt. William Safran (1991: 83f.) versuchte diesen Bedeutungswandel zu fassen, indem er eine Definition mit sechs Kriterien erarbeitete. Für ihn ist eine Diaspora eine Gemeinschaft von migrierten Menschen, die an mindestens zwei Orten verstreut sind, eine gemeinsame Erinnerung und Vision der Heimat teilen, Diskriminierung im Gastland erfahren, in ihre Heimat zurückkehren möchten, ihre Heimat wieder aufbauen wollen und die durch ein heimatbezogenes Gruppenzugehörigkeitsgefühl und eine Solidarität verbunden sind. Diese Systematisierung wurde kritisiert, da sie auf viele Gemeinschaften nicht zutreffe und insbesondere das Kriterium des Rückkehrwunsches nicht mehr aktuell sei (Mayer 2015: 10).
Quellen:
- Mayer, Ruth (2015): Diaspora: Eine kritische Begriffsbestimmung, Bielefeld: transcript Verlag.
- Safran, William (1991): „Diasporas in Modern Societies. Myths of Homeland and Return“, in:
Das Gerundium „demarginalizing“ bezieht sich auf das Phänomen der Marginalisierung, bei dem strukturell erzeugte Gruppen von Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Dies bedeutet konkret den Verlust von Ressourcen und eine erschwerte gesellschaftliche Teilhabe. Der Begriff der Demarginalisierung wurde maßgeblich von Kimberlé Crenshaw (1989) geprägt. Sie arbeitet die Marginalisierung von Schwarzen Frauen in feministischer Theorie und antirassistischer Politik heraus und plädiert dafür, die am stärksten marginalisierten Gruppen ins Zentrum zu rücken und sich mit der Überschneidung (intersection) von verschiedenen Ungleichheitsdimensionen wie Rassismus und Sexismus zu befassen. Demarginalisierung steht demnach für die Umkehrung von Marginalisierung, indem marginalisierte Menschen und ihre Erfahrungen in den Mittelpunkt gestellt werden.
Quellen:
- Crenshaw, Kimberlé W. (1989): „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“, in: University of Chicago Legal Forum 1 (1989), S. 139–167.
Die Kategorien von „disability“ (physische und mentale Beeinträchtigung) und „ability“ (Fähigkeit) werden genutzt, um Körper zu markieren. Sie dienen der Rechtfertigung von ungleicher Verteilung von Ressourcen und Macht in einem normativen Gesundheits- und Gesellschaftssystem. „Dis/ability“ ist somit ein System, um Körper als „able-bodied“ oder „disabled“ zu kategorisieren und dementsprechend zu disziplinieren (Hall 2011: 17).
Quellen:
Hall, Kim Q. (2011): Feminist Disability Studies, Bloomington: Indiana University Press.
Mit Essentialisierung werden bestimmte, wahrgenommene Merkmale einer Person, einer Gruppe usw. als für sie wesenhaft betrachtet. Durch stereotype Zuschreibungen findet eine „ideologische Homogenisierung der rassisch-ethnisch essentialisierten Gruppen“ statt (ebd.). Daraus entstanden historisch auch neue kollektive Identitätskonstrukte der kolonialisierten Subjekte. Diese kollektiven Identitäten wurden etwa verwendet, um das geteilte Leid infolge des transatlantischen Sklavenhandels zu erfassen (ebd.: 142f.). Die Mehrheitsgesellschaft trägt die Verantwortung für die Erfindung einer kulturellen Identität der ausgebeuteten und diskriminierten Gruppe (ebd.). »Racial essentialism« basiert auf der Annahme, dass sich das biologische Wesen oder kulturelle Merkmale zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen unterscheiden (Soylu et al. 2017: 2). „Strategischer Essentialismus“ wird als eine „kollektive, performative und auf bestimmte politische Ziele gerichtete Reaktion postkolonialer Akteure auf homogenisierende koloniale Identitätszuschreibungen“ beschrieben (Mackenthun 2017: 142).
Quellen:
- Harris, Angela P. (1990): „Race and essentialism in feminist legal theory", in: Stanford Law Review 42.3, S. 581–616.
- Ho, Arnold K./Roberts, Steven O./Gelman, Susan A. (2015): „Essentialism and racial bias jointly contribute to the categorization of multiracial individuals", in: Psychological Science 26.10, S. 1639–1645.
- Mackenthun, Gesa (2017): „Essentialismus, strategischer", in: Handbuch Postkolonialismus und Literatur, Stuttgart: J.B. Metzler, S. 142–144.
- Soylu Yalcinkaya, Nur/Estrada-Villalta, Sara/Adams, Glenn (2017): „The (biological or cultural) essence of essentialism: Implications for policy support among dominant and subordinated groups", in: Frontiers in Psychology 8, doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00900.
Das Konzept der „Ethnizität“ bezieht sich auf die Selbst- und/oder Fremdzuschreibung von sozialen Gruppen auf der Basis einer Annahme einer geteilten Vergangenheit, kollektiver Erfahrungen oder soziokultureller Merkmale wie z.B. Sprache oder Religion. Das Resultat dieser Zuschreibungen wird als „ethnische Gruppe“ bezeichnet (vgl. Cashmore 2008). Synonym wird teilweise auch der Begriff der „Volksgruppe“ verwendet. Laut Max Weber (1980) beinhaltet das Konzept der Ethnizität den subjektiven Glauben an eine gemeinsame Abstammung. Inzwischen hat es sich von essenzialistisch-biologistischen Bezugnahmen hin zu konstruktivistischen Ansätzen entwickelt.
Quellen:
- Cashmore, Ellis (Hg.) (2008): Encyclopedia of Race and Ethnic Studies, London: Routledge.
- Weber, Max (1980 [1922]): Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen: Mohr.
Der Begriff der Ethnisierung beschreibt die Zuordnung von Personen zu einer „Ethnie“ auf der Basis bestimmter Merkmale. Dabei kann es sich sowohl um Selbst- als auch Fremdethnisierung handeln (Migrationsrat Berlin e.V. 2020). Der Begriff der Ethnisierung wird zudem gebraucht, um zu beschreiben, wie soziale Konflikte und Probleme, wie sexualisierte Gewalt oder Kriminalität, ethnischen Gruppen zugeschrieben werden (vgl. Sanders et al. 2020; Jäger 2003; Jennissen/Zech 2022). Es handelt sich also um einen ähnlichen Mechanismus wie den der Kulturalisierung.
Quellen:
- Jäger, Margarete (2003): »Die Kritik am Patriarchat im Einwanderungsdiskurs. Analyse einer Diskursverschränkung«, in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse [Online], Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 421–437.
- Jennissen, Tom/Zech, Louisa (2022): „Mythos ›Clankriminalität‹: Die Ethnisierung von Kriminalität“, in: CILIP 129, 12. August 2022, www.cilip.de/2022/08/12/mythos-clankriminalitaet-die-ethnisierung-von-kriminalitaet/ (letzter Zugriff: 22.06.2023).
- Migrationsrat Berlin e.V. (2020): „Ethnisierung“, in: Begriffsglossar, www.migrationsrat.de/glossar/ethnisierung/ (letzter Zugriff: 07.06.2023).
- Sanders, Eike et al. (2020): Frauen*rechte und Frauen*hass: Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt, 2. Aufl., Berlin: Verbrecher Verlag.
Exotisierung ist eine Form des Otherings. Dabei werden bestimmte Eigenschaften wie „eine besondere Naturverbundenheit, freizügige Sexualität, gesunde Körperlichkeit oder Emotionalität" rassifizierten Menschen zugeschrieben und als Grundlage für ihre vermeintliche Andersartigkeit genutzt. Im Umkehrschluss dienen diese Zuschreibungen der Versicherung der Identität weißer Individuen (IDA e.V.). Exotisierung zeigt sich etwa in Sachbüchern für Kinder und Jugendliche, in denen Personen aus bestimmten Regionen mit Gruppenkonstruktionen in Zusammenhang gebracht werden. Ein „Kausalzusammenhang zwischen Aussehen und Herkunft" wird konstruiert und es werden rassistische Bilder bei der Exotisierung reproduziert. Beispielsweise wurden Schwarze Personen in „dörflichen Strukturen ohne Steinbauten" als Bevölkerungsgruppe dargestellt und als Personen mit „freizügiger Sexualität" charakterisiert (Fereidooni 2017: 256, 259). Exotisierung äußert sich auch in der „Faszination für das ›Fremde‹" und dem Wunsch, die vermeintliche »Andersheit« zu konsumieren (IDA e.V.).
Quellen:
- Fereidooni, Karim/El, Meral (Hg.) (2017): Rassismuskritik und Widerstandsformen, Wiesbaden: Springer VS
- Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA) e.V.: Glossar, www.idaev.de/recherchetools/glossar (letzter Zugriff: 13.11.2023).
Femonationalismus ist ein von der Soziologin Sara R. Farris geprägter Begriff für „feministischen und femokratischen Nationalismus“. Er bezieht sich konkret auf die Ausbeutung feministischer Themen durch Nationalist*innen und Neoliberale in antiislamischen und antiimmigrationsbezogenen (politischen) Kampagnen sowie auf die Beteiligung bestimmter Feministinnen an der Stigmatisierung muslimischer Männer unter dem Deckmantel der Geschlechtergleichheit. Das Konzept umfasst sowohl die Instrumentalisierung der Geschlechtergleichheit durch westeuropäische rechtsgerichtete Parteien für rassistische Agenden als auch die Beteiligung etwa prominenter Feministinnen an der Darstellung des Islams als einer inhärent misogynen Religion. So versteht Farris Femonationalismus als eine durch eine spezifische wirtschaftliche Logik hervorgebrachte Ideologie, welche aus Konvergenz zwischen verschiedenen politischen Projekten entspringt (vgl. Farris 2017: 4–6).
Quellen:
- Farris, Sara R. (2017): In the Name of Women's Rights. The Rise of Femonationalism, North Carolina: Duke University Press.
Der Begriff „Frame“ wurde von dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman 1974 verwendet und beschreibt eine konstruierte Wahrnehmung der Realität. Frames sind demnach „Sinnhorizonte [...], die gewisse Informationen und Positionen hervorheben und andere ausblenden“ (Matthes 2014: 10). Frames basieren auf Auswahl und erleichterter Wahrnehmbarkeit (Selektion und Salienz), weil sie eine bestimmte Perspektive auf Probleme, Interpretationen und Bewertungen einnehmen, um eine bestimmte Botschaft zu kommunizieren (Entman 1993: 52).
Quellen:
Entman, Robert M. (1993): Framing: „Toward clarification of a fractured paradigm“, in: Journal of Communication 43.4, S. 51–58, https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1993.tb01304.x.
Goffman, Erving (1974): Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience, Cambridge, Mass.: Harvard University Press.
Matthes, Jörg (2014): Framing, Baden-Baden: Nomos, S. 9–23, https://doi.org/10.5771/9783845260259_9.
Der Begriff „Genozid" (aus altgriechisch genos, Geschlecht, Stamm, Nachkomme, Volksstamm, Volk und lateinisch caedere, töten, morden) oder „Völkermord" bezeichnet die Verwirklichung der Absicht, eine nationale, ethnische, religiöse, politische, soziale, geschlechtliche oder wirtschaftliche Gruppe, wie sie vom Täter definiert wird, in ihrer Gesamtheit zu ermorden, unabhängig davon, wie erfolgreich dies geschieht. Der Begriff wurde erstmals 1944 während des Zweiten Weltkriegs von Raphael Lemkin unter dem Eindruck der Vernichtung der Armenier (1915–1916) sowie der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Juden, dem Holocaust (1941–1945), formuliert. Er prägte die Konvention über die Verhütung (amtliche deutsche Übersetzung von „prevention") und Bestrafung des Völkermordes, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 9. Dezember 1948 als Resolution verabschiedet wurde und am 12. Januar 1951 als Vertrag in Kraft trat, und unterliegt seither zahlreichen wissenschaftlichen Debatten, die den Begriff des Völkermords in statischer oder dynamischer formulierten (rechtlichen) Rahmen einordnen.
Quellen:
Jones, Adam (2006): Genocide. A Comprehensive Introduction, London/New York: Routledge.
Kulturen weisen verschiedene Wissensbestände, Arten der Kommunikation, Wertorientierungen etc. auf. Bei der Interkulturalität handelt es sich um den Austausch unterschiedlicher aufeinandertreffender Kulturen. Zur Interkulturalität kommt es dann, wenn Kulturen miteinander interagieren, Wissen austauschen und sich für den Zeitraum der Interaktion aneinander anpassen. Diese Interaktion kann zu neuen Wissensformen oder Verhaltensweisen, aber auch zu Komplikationen führen. Sie beinhaltet immer auch die Konstruktion und ein Bewusstsein über die fremde und die eigene Kultur. Anders verhält es sich bei der Transkulturalität, die Kulturen als durch moderne Entwicklungen wie die Globalisierung sich gegenseitig beeinflussend fasst, wodurch sich die Grenzen zwischen einzelnen Kulturen auflösen. In Abgrenzung dazu meint Multikulturalität das Bestehen von verschiedenen, jeweils homogenen Kulturen nebeneinander in einer heterogenen Gesellschaft.
Quellen:
- Neubert, Stefan/Roth, Hans-Joachim/Yildiz, Erol (Hg.) (2002): Multikulturalität in der Diskussion: Neuere Beiträge zu einem umstrittenen Konzept, Opladen: Leske und Budrich.
- Thomas, Alexander/Kinast, Eva-Ulrike/Schroll-Machl, Sylvia (Hg.) (2005): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, doi.org/10.13109/9783666461866.
Intersektionalität benennt die Wechselbeziehungen und Überschneidungen (intersections) mehrerer Ungleichheitsdimensionen innerhalb gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen. Intersektionalität ist nicht als Addition von Ungleichheitskategorien zu verstehen, sondern bezeichnet die gegenseitige Verstärkung und Überlagerung verschiedener Ungleichheitsdimensionen in sozialen Machtverhältnissen, zum Beispiel Geschlecht, Herkunft, Alter oder Klasse.
Quellen:
- Degele, Nina/Winker, Gabriele (2010): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld: transcript Verlag.
Unter einem Item wird in der empirischen Sozialforschung eine einzelne Frage, eine Aussage oder Aufgabe in einem Test oder Fragebogen verstanden. Die einzelnen Items sind den zu erfassenden Merkmalen zugeordnet. Die einzelnen Antwort- oder Reaktionsmöglichkeiten des jeweiligen Items haben einen definierten Wert. Anhand verschiedener Rechenoperationen können mit diesen Werten dann Aussagen über die Verteilung und Ausprägung der erhobenen Merkmale getroffen werden.
Quellen:
- Diekmann, Andreas (2007): Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Reinbek: Rowohlt.
Kulturalisierung bezeichnet eine unterstellte kausale Beziehung zwischen der Herkunft einer als kohärent gedachten sozialen Gruppe und dem sozialen Handeln ihrer Mitglieder. Der Verweis auf Kultur setzt dabei eine Andersartigkeit (im Vergleich zur Dominanzgesellschaft) voraus, die eine Sonderbehandlung der besagten Gruppe rechtfertigen soll. Durch die Zuschreibung einer kollektiven Einheit wird der soziale Raum symbolisch aufgespannt und unterteilt, Individuen und Gruppen als berechenbare Subjekte konstruiert. Die Assoziation von kulturellen Kategorien und bestimmten Persönlichkeitseigenschaften und Fähigkeiten (z.B. Temperament, Fleiß, Sportlichkeit) behandelt diese Merkmale als unveränderbare, teilweise biologische Eigenschaften einer Gruppe und verschleiert damit den rassistischen Inhalt der Aussagen oder Handlungen, die damit einhergehen. Für Betroffene kann Kulturalisierung dieselben Konsequenzen wie offen rassistische Diskriminierung haben.
Quellen:
- Tezcan, Levent (2011): »Varieties of culturalization«, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 2011.2, S. 357–376, https://doi.org/10.28937/1000106591.
Die „matrix of domination“ ist ein Konzept, welches von Patricia Hill Collins (2014: 276) entwickelt wurde, um zu erklären, wie rassistische, sexistische und klassistische Unterdrückung zusammenhängend organisiert sind. Die Matrix umfasst vier Bereiche der Macht, die jeweils spezifische Funktionen übernehmen: Während der strukturelle Bereich für die Organisation von Unterdrückung zuständig ist, verwaltet der disziplinäre Bereich Unterdrückung. Der hegemoniale Bereich übernimmt die Rechtfertigung von Unterdrückung und der interpersonelle Bereich umfasst alltägliche Erfahrungen von Unterdrückung (ebd.).
Quellen:
- Hill Collins, Patricia (2014): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment, überarbeitete Auflage, London/New York: Routledge.
Dieser Begriff wurde vom Statistischen Bundesamt eingeführt, um nicht nur verschiedene Staatsangehörigkeiten in Deutschland zu unterscheiden (primär: die deutsche und andere), sondern auch die Migrationsgeschichte der in Deutschland lebenden Menschen sichtbar zu machen (Will 2022). Ziel war es, diese Personen mit in die Bevölkerungsstatistik einzubeziehen, was nach der im Jahr 2000 in Kraft getretenen Staatsangehörigkeitsreform auch offiziell umgesetzt wurde. Migrationshintergrund ist eine zugeschriebene Kategorie und wird folgendermaßen definiert: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt“ (Statistisches Bundesamt 2019: 4). Der Begriff beschreibt eine heterogene Gruppe und repräsentiert Menschen mit nicht deutscher Herkunft (Razum/Spallek 2009). Der Begriff differenziert nicht nach ethnischer Herkunft (die beispielsweise rassistische, antiziganistische, antisemitische oder antimuslimische Zuschreibungen nach sich ziehen kann) und schließt damit unterschiedliche Erfahrungen aus. Beispielsweise können Personen Rassismuserfahrungen machen und keinen Migrationshintergrund haben (Pürckhauer 2022). Das gilt insbesondere für viele Schwarze Deutsche, deren Familien bereits seit mehreren Generationen in Deutschland leben. Umgekehrt fallen viele Personen in die Kategorie „Migrationshintergrund“, die nicht rassistisch markiert sind – etwa weiße Personen, die selbst oder deren Eltern aus Dänemark eingewandert sind.
Quellen:
- Pürckhauer, Andrea (2022): Ciao, Migrationshintergrund?, in: Mediendienst Integration, 12.04.2022, mediendienst-integration.de/artikel/ciao-migrationshintergrund-1.html (letzter Zugriff: 13.06.2023).
- Razum, Oliver/Spallek, Jacob (2009): Definition of Migration and of Migrants, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 01.04.2009, www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/58038/ (letzter Zugriff: 13.06.2023).
- Statistisches Bundesamt (2019): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2018, Fachserie 1 Reihe 2.2, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt (Destatis).
- Will, Anne-Kathrin (2022): „Migrationshintergrund – wieso, woher, wohin?“, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 05.02.2020, www.bpb.de/themen/migration-integration/laenderprofile/deutschland/304523/ (letzter Zugriff: 13.06.2023).
Im Kontext der Diskurs- und Medienforschung bezeichnet Normalisierung den Prozess, durch den Aussagen, Positionen oder Weltbilder, die zunächst als extrem oder randständig galten, schrittweise als selbstverständlich oder akzeptabel wahrgenommen werden. Dieser Prozess vollzieht sich häufig schleichend und wird durch Wiederholung in medialen Debatten begünstigt (Wodak, 2015).
Wenn beispielsweise rassistische Deutungsmuster über einen längeren Zeitraum in Medien oder sozialen Netzwerken wiederholt und kaum hinterfragt werden, können sie in der öffentlichen Wahrnehmung an Akzeptanz gewinnen, ohne dass dies zwangsläufig bewusst wahrgenommen wird (Wodak, 2018). Die Forschung untersucht, wie solche Verschiebungen entstehen und welche gesellschaftlichen Folgen sie haben.
Quellen:
- Wodak, Ruth (2015): „Normalisierung nach rechts“: Politischer Diskurs im Spannungsfeld von Neoliberalismus, Populismus und kritischer Öffentlichkeit, in: Linguistik Online, 73(4), https://doi.org/10.13092/lo.73.2191.
- Wodak, Ruth (2018): Vom Rand in die Mitte – „Schamlose Normalisierung“, in: Politische Vierteljahresschrift, 59(2), S. 323–335, https://doi.org/10.1007/s11615-018-0079-7.
Wenn es bei einer quantitativen Befragung nicht gelingt, Informationen von einer Person zu erhalten, handelt es sich um einen Antwortausfall oder Stichprobenausfall (nonresponse). Die Nonresponse-Rate erfasst den Anteil dieser Personen an der angestrebten Stichprobe (Häder 2015: 178).
Quellen:
- Häder, Michael (2015): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung, 3. Auflage, Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Ein Large Language Model (LLM) ist ein KI-System, das darauf trainiert wurde, menschliche Sprache zu verstehen und selbst Texte zu erzeugen. Dafür werden sehr große Mengen an Textdaten genutzt, aus denen das Modell typische sprachliche Muster und Zusammenhänge lernt (Thapa et al., 2025).
LLMs können beispielsweise Fragen beantworten, Texte zusammenfassen, Inhalte übersetzen oder neue Texte erstellen (Törnberg, 2024). Sie werden unter anderem in Chatbots, digitalen Assistenten und Anwendungen zur Textanalyse eingesetzt. Dabei „verstehen“ LLMs Sprache nicht im menschlichen Sinne, sondern erkennen statistische Muster darin.
Quellen:
- Thapa, Surendrabikram/Shiwakoti, Shuvam/Shah, Suraj Bahadur/Adhikari, Sunil/Veeramani, Hariram/Nasim, Mehwish/Naseem, Usman (2025): Large language models (LLM) in computational social science: Prospects, current state, and challenges, in: Social Network Analysis and Mining, 15(1), 4, https://doi.org/10.1007/s13278-025-01428-9.
- Törnberg, Petter (2024): How to Use Large-Language Models for Text Analysis, London: SAGE Publications Ltd.
Der Begriff „Orientalismus“ weist kritisch auf die Art und Weise hin, wie in westlichen Gesellschaften sogenannte Orientbilder im Alltag, in der Kunst und in der Wissenschaft konstruiert werden. Diese Bilder sind geprägt von kolonialen Stereotypen. Der Begriff geht auf das Werk Orientalism des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Edward Said aus dem Jahr 1978 zurück. Said beschreibt darin den Ursprung der westlichen Orientbilder als einen Prozess des Othering (siehe unten). Dies bedeutet, dass „der Westen“ „den Orient“ im Kontext der (post)kolonialen Machtbeziehung als ein negatives Spiegelbild konstruiert. Eine der zentralen Schlussfolgerungen von Said besagt, dass diese dichotome Beziehung zwischen dem Okzident und dem Orient die gesamte europäische Denktradition durchzieht. Der „Orient“ wird immer als das exotische Andere ohne historischen Kontext imaginiert. Zudem wird seine diskursive Konstruktion als Gegensatz benötigt, um die Selbstwahrnehmung des „Okzidents" zu rechtfertigen.
Quellen:
Attia, Iman (2007): Orient- und IslamBilder – Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, Münster: Unrast Verlag.
Said, Edward (1981): Orientalismus, Berlin: Ullstein Verlag.
Als „Othering“ wird der Prozess bezeichnet, in dem Menschen als „Andere“ konstruiert und von einem „Wir“ abgegrenzt und abgewertet werden. Durch diesen Prozess werden Menschen auf gesellschaftlich konstruierte Kategorien reduziert, z.B. entlang von Klasse, Glaubensvorstellungen, Ethnizität, Sexualität, Gender, Nationalität oder „Rasse“ . Diese Kategorien werden hierdurch naturalisiert und dienen der Abwertung und dem Ausschluss bestimmter Personen und Gruppen aus einer dadurch aufgewerteten, normativ konstruierten „Wir“ -Gruppe.
Quellen:
- Spivak, Gayatri Chakravorty (1985): „The Rani of Sirmur: An Essay in Reading the Archives“, in: History and Theory 24.3, S. 247–272.
Oversampling bezeichnet die gezielte Überrepräsentation bestimmter Bevölkerungsgruppen in einem Umfragedatensatz, um ausreichend viele Fälle für belastbare Analysen zu gewinnen. Im NaDiRa.panel erfolgte dies über eine disproportionale Stichprobenziehung von Personen mit Migrationsgeschichte sowie mithilfe sogenannter onomastischer Verfahren: Dabei werden Vor- und Nachnamen genutzt, um Menschen bestimmter Herkunftsgruppen gezielt in die Stichprobe einzubeziehen. Auf diese Weise sind unter anderem Personen mit asiatischer, muslimischer oder Schwarzer Zugehörigkeit häufiger in der Stichprobe vertreten.
Das NaDiRa.panel setzt damit bewusst einen methodischen Gegenakzent zur in vielen Bevölkerungsumfragen bestehenden Unterrepräsentation dieser Gruppen. Die höheren Fallzahlen ermöglichen differenziertere Aussagen zu Lebenslagen und Erfahrungen in Bereichen wie Gesundheit, Wohnen, Arbeit und Bildung sowie zu Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Dadurch werden Analysen möglich, die in anderen deutschen Bevölkerungsbefragungen aufgrund geringer Fallzahlen häufig nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden können (Ruland et al. 2022; DeZIM 2023).
Quellen:
- DeZIM – Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2023): Rassismus und seine Symptome. Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors, Berlin: DeZIM.
- Humpert, Andreas und Schneiderheinze, Klaus (2000): Stichprobenziehung für telefonische Zuwandererumfragen. Einsatzmöglichkeiten der Namenforschung. In: ZUMANachrichten 24 (47), S. 36–63
- Ruland, Michael/Link, Sebastian/Malina, Aneta (2022): Methodenbericht. Aufbau eines Online-Access-Panels und Erstbefragung im Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Bonn: infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft.
In der anglophonen Politikwissenschaft wird zwischen drei Ebenen von Politik unterschieden: polity, politics und policy. Bei der Ebene „policy“ handelt es sich um die inhaltliche Dimension, welche konkrete politische Maßnahmen innerhalb von Politikfeldern wie Wirtschaftspolitik oder Migrationspolitik umfasst.
Quellen:
- Schubert, Klaus/Klein, Martina (2021): Das Politiklexikon. Begriffe, Fakten, Zusammenhänge, 8. Auflage, Bonn: Dietz.
- von Alemann, Ulrich (1994): Politikbegriffe, in: von Alemann, Ulrich/Loss, Klaus/Vowe, Gerhard (Hg.): Politik, Opladen: Westdeutscher Verlag.
Der Begriff „postmigrantisch“ wurde in Deutschland durch die Intendantin Shermin Langhoff und ihr Konzept des postmigrantischen Theaters geprägt (vgl. Foroutan 2019: 46). In den Sozialwissenschaften wird der Begriff ebenfalls als Analyseperspektive benutzt. Er soll nicht ein Ende der Migration suggerieren, sondern vielmehr ein Impuls sein, zu untersuchen, welche Prozesse in einer Gesellschaft nach der Migration ablaufen (ebd.: 54). Ziel ist es, „die implizite Hierarchie und die defizitäre und binäre Codierung in Etablierte und Außenseiter zu hinterfragen, wenn Gesellschaften sich zunehmend pluralisieren“ (ebd.: 55).
Quellen:
- Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld: transcript Verlag.
Menschliche „Rassen“ im biologischen Sinn existieren nicht. Der biologistische Rassenbegriff ist schon lange wissenschaftlich diskreditiert und beruht selbst auf Rassismus. In Abkehr insbesondere von der in den nationalsozialistischen „Nürnberger Rassegesetzen" kulminierenden „Rassenlehre“ wird der Begriff „Rasse“ in Deutschland in der Regel nicht mehr verwendet und ist – historisch beladen – mit einem starken Tabu belegt. Dennoch taucht das Wort noch als Rechtsbegriff in Diskriminierungsverboten wie Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz auf. Im englischsprachigen Raum gibt es eine längere und vielfältigere Tradition, die versucht, den Begriff „race“ jenseits biologistischer Vorstellungen neu zu besetzen und ihn stattdessen als sozial konstruierte Kategorie umzudeuten, die als unerlässlich für die Analyse rassistischer Unterdrückungssysteme und emanzipatorischer Bewegungen angesehen wird. Race und insbesondere „racial consciousness“ , also der Prozess, in dem Menschen sich ihrer Rassifizierung und Diskriminierung politisch bewusst werden, können so zur Grundlage für Widerstandspraktiken gegen Rassismus werden. Race wird damit zu einem Teil der Selbstdefinition und stiftet Identität zur politischen Selbstartikulation.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine Übersetzung der Begriffe „race“ und „racial“ ins Deutsche als komplex dar. Dies manifestiert sich u.a. in unterschiedlichen Schreibweisen: von der Verwendung der originalen, englischen Begriffe hin zu verschiedenen Formen der Hervorhebung von „Rasse“ (z.B. kursiv, Anführungszeichen), die diese Übersetzungsdistanz zum Ausdruck bringen sollen.
Quellen:
- Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 1. Aufl., Münster: Unrast.
- Stam, Robert/Shohat, Ella (2012): Race in Translation: Culture Wars Around the Postcolonial Atlantic, New York: NYU Press.
Als Rassifizierung – teilweise auch bezeichnet als Rassialisierung oder Rassisierung – wird in der deutschen Rassismusforschung der Prozess der Differenzierung von Menschen in unterschiedliche Gruppen anhand spezifischer Merkmale verstanden. Diese Merkmale sind historisch variabel und beziehen sich auf unterschiedliche Facetten menschlicher Existenz. Im Verlauf der Zeit haben sich folgende Merkmale etabliert: „a) morpho-physiologische Kennzeichen (diese können sichtbar oder unsichtbar sein, sie gelten als natürlich/evident und als geeignet, Gruppen zu unterscheiden); b) soziologische Kennzeichen (Sprachen, Wirtschaftssysteme, Gewohnheiten, Ernährung, Kleidung, Musik etc.); c) symbolische und geistige Kennzeichen (politische Praktiken, Einstellungen, Lebensauffassungen, kulturelle und religiöse Verhaltensweisen etc.) sowie d) imaginäre Kennzeichen (etwa phantasmatische Vorstellungen von okkulter Macht etc.)" (Guillaumin 1991: 167; 1992: 83). Diese Merkmale und ihre Ausprägungen gelten als „natürlich" und sich biologisch reproduzierend, ebenso wie die ihnen nachfolgenden Gruppenkonstruktionen.
Robert Miles, der den Begriff der Rassialisierung maßgeblich geprägt hat, bezeichnet die Konstruktion von Rassen als „Race-Making" (Miles 1992: 23), wodurch Individuen nach einer rein ideologischen Definition einer bestimmten „Rasse" zugeordnet werden. Es handelt sich folglich um eine Praxis des „‚Rasse'-Machens", die Gruppen machtvoll unterscheidet (ebd.: 22). Mark Terkessidis spricht hier von einer „Urform der Naturalisierung von Unterschieden" (Terkessidis 2004: 98). Die Natur der Gruppen wird dabei im spiegelbildlichen Verhältnis zueinander festgelegt. Umstritten ist, ob es einer expliziten negativen Bewertung der jeweiligen Gruppen bzw. ihrer Mitglieder bedarf, oder ob nicht die beschriebene Art der Differenzkonstruktion immer schon auf einer mindestens implizierten Wertung basiert (ebd.: 99). Teilweise wird eine explizite Bedeutungszuweisung über eine Stereotypisierung, also die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften, verlangt. Rassifizierung beschreibt demnach sowohl einen Prozess, in dem rassistisches Wissen erzeugt wird, als auch die Struktur dieses rassistischen Wissens.
Quellen:
- Eggers, Maureen Maisha (2005): „Rassifizierte Machtdifferenz als Deutungsperspektive in der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland", in: dies. et al.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster: Unrast, S. 56–72.
- Essed, Philomena (1991): Understanding Everyday Racism. An Interdisciplinary Theory, London: Sage.
- Guillaumin, Colette (1991): „RASSE. Das Wort und die Vorstellung", in: Uli Bielefeld (Hg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt?, Hamburg: Junius, S. 159–173.
- Miles, Robert (1992): „Der Zusammenhang von Rassismus und Nationalismus: Die Perspektive des vereinigten Königreichs", in: Rudolf Leiprecht (Hg.): Unter Anderen: Rassismus und Jugendarbeit, Duisburg: DISS, S. 20–43.
- Terkessidis, Mark (2004): Die Banalität des Rassismus, Bielefeld: transcript Verlag.
Racial Profiling bezeichnet die Praxis, bei der Personen von staatlichen Behörden, etwa Polizei oder Sicherheitsdiensten, auf Grundlage ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen ethnischen Herkunft, Hautfarbe oder Religion kontrolliert, überprüft oder verdächtigt werden, anstatt aufgrund konkreter Hinweise auf eine Straftat (Hunold & Singelnstein, 2022). Diese Praxis gilt als Form institutioneller Diskriminierung.
In medialen und politischen Debatten wird Racial Profiling häufig kontrovers diskutiert: Während Betroffene und Forschende es als strukturelles Problem benennen, wird es von anderen als legitimes Sicherheitsinstrument verteidigt (Arnold et al., 2025). Die Analyse dieser Debatten gibt Aufschluss darüber, wie Rassismus in staatliche und gesellschaftliche Strukturen eingebettet ist.
Quellen:
- Arnold, Sina/Yendell, Alexander/Salheiser, Axel (2025): Introduction: Racism in German institutions: between denial and emerging accountability, in: Patterns of Prejudice, 59(2–3), S. 125–132, https://doi.org/10.1080/0031322X.2025.2606500.
- Hunold, Daniela/Singelnstein, Tobias (Hg.) (2022): Rassismus in der Polizei: Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme, Wiesbaden: Springer Fachmedien, https://doi.org/10.1007/978-3-658-37133-3.
- Wa Baile, Mohamed/Dankwa, Serena O./Naguib, Tarek/Purtschert, Patricia/Schilliger, Sarah (Hg.) (2019): Racial Profiling: Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand, Bielefeld: transcript Verlag, https://doi.org/10.14361/9783839441459.
Eine praxisorientierte Grundlage bietet die Arbeitsdefinition Rassismus des „Expert*innenrats Antirassismus", die der Beauftragten der Bundesregierung für Antirassismus als Grundlage für staatliches und verwaltungsinternes Handeln dient (Expert*innenrat Antirassismus 2025):
Rassismus basiert auf einer historisch gewachsenen Einteilung und Kategorisierung von Menschen anhand bestimmter äußerlicher Merkmale oder aufgrund einer tatsächlichen oder vermeintlichen Kultur, Abstammung, ethnischen oder nationalen Herkunft oder Religion (Essentialisierung und Naturalisierung). Bestimmte Merkmale werden diesen Gruppen zugeschrieben (Homogenisierung), die sie und die ihnen zugeordneten Personen als höher- oder minderwertig charakterisieren (Hierarchisierung). Die als minderwertig kategorisierten Gruppen werden herabgewürdigt und auf der Grundlage von negativen Stereotypen und Vorurteilen abgewertet. Die Zuordnung von Menschen zu einer bestimmten Gruppe führt zu einer gesellschaftlichen Wahrnehmung von ihnen als „zugehörig" bzw. „fremd" oder „nicht zugehörig" zu Deutschland, was wiederum zu ausgrenzenden Praktiken und Erfahrungen führt (Dichotomisierung).
Die Arbeitsdefinition unterscheidet dabei drei ineinandergreifende Ebenen, auf denen Rassismus wirkt und die den Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen beeinflussen:
- Individueller Rassismus entsteht aus bewussten und unbewussten Einstellungen und Überzeugungen und äußert sich in Aussagen, Handlungen und Verhalten einzelner oder in Gruppen handelnder Personen.
- Struktureller Rassismus ist in staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen verankert – in Sprache, verbreiteten stereotypisierenden Annahmen sowie in der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Privilegien.
- Institutioneller Rassismus entsteht durch rechtliche Vorgaben, Organisationsstrukturen sowie alltägliche, oft unhinterfragte Routinen und Handlungslogiken in staatlichen wie nichtstaatlichen Institutionen.
Individueller, struktureller und institutioneller Rassismus bedingen und verstärken sich dabei gegenseitig.
Diese Perspektive lässt sich wissenschaftlich vertiefen: Rassismus bezeichnet ein gesellschaftliches Macht- und Deutungsverhältnis, das Menschen aufgrund realer oder zugeschriebener Merkmale in vermeintlich natürliche, unveränderliche Gruppen einteilt und diese Gruppen hierarchisch ordnet. In Anlehnung an Birgit Rommelspacher lässt sich Rassismus dabei als Konsens beschreiben, der mit Konstruktionen von „Rasse" operiert oder an solche Konstruktionen anschließt und der gesellschaftlichen Gruppen aufgrund realer oder zugeschriebener Differenzen dauerhaft unterschiedliche Positionen in einer Hierarchie zuweist – zugunsten der Gruppen, die diese Hierarchisierung vornehmen (Rommelspacher 2009).
Wie Étienne Balibar gezeigt hat, kommt der gegenwärtige Rassismus vielfach ohne den Begriff „Rasse" aus und beruft sich stattdessen auf Kultur, Nation oder Religion als vermeintlich unüberbrückbare Differenz („Rassismus ohne Rassen"). Koloniales und biologistisches Wissen wird so in neue, scheinbar neutrale Sprachformen übersetzt, bleibt in seiner Funktion – der Legitimierung von Ungleichbehandlung und Ausgrenzung – jedoch bestehen.
Stuart Hall beschreibt Rassismus dementsprechend als ideologischen Diskurs, der Differenz klassifiziert, naturalisiert und fixiert, um soziale, ökonomische und politische Machtverhältnisse zu begründen und zu reproduzieren. Rassismus wirkt dabei nicht nur auf der Ebene individueller Vorurteile, sondern auch strukturell und institutionell, etwa in Gesetzen, Verwaltungspraxen oder im ungleichen Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum.
Quellen:
- Balibar, Étienne (1990): „Es gibt keinen Rassismus ohne Rassen. Über die neuen Formen des Rassismus", in: Balibar, Étienne/Wallerstein, Immanuel: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg/Berlin: Argument-Verlag, S. 41–56.
- Expert*innenrat Antirassismus (2025): Arbeitsdefinition Rassismus, hg. von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und Antirassismus, Berlin, https://www.integrationsbeauftragte.de/antirassismus/arbeitsdefinition-rassismus (letzter Zugriff: 06.08.2026).
- Hall, Stuart (1989): „Rassismus als ideologischer Diskurs", in: Das Argument, 178, S. 913–921.
- Rommelspacher, Birgit (2009): Was ist eigentlich Rassismus?, in: Melter, Claus/Mecheril, Paul (Hg.): Rassismuskritik, Band 1: Rassismustheorie und -forschung, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 25–38.
Rassistisch markierte Personen/Gruppen ist ein im NaDiRa.panel verwendeter analytischer Begriff für Personen, die sich in der Befragung als Schwarze, asiatische, muslimische oder osteuropäische Menschen verorten. Die Bezeichnung dient dazu, diejenigen Gruppen zusammenzufassen, die in Deutschland in besonderem Maße von rassistischen Zuschreibungen und institutionellen Ungleichbehandlungen betroffen sein können. Sie beschreibt dabei keine objektiven oder feststehenden Gruppen, sondern eine forschungspraktische Kategorisierung, die gesellschaftliche Markierungsprozesse und damit verbundene Rassismuserfahrungen empirisch erfassbar machen soll.
Hintergrund ist, dass die bislang gängige Praxis, Migrationskategorien als Platzhalter für Rassismuserfahrungen zu verwenden, zunehmend in die Kritik gerät. Insbesondere die amtliche Kategorie „Migrationshintergrund“ erweist sich als unzureichend, um die Prozesshaftigkeit von Rassismuserfahrungen angemessen abzubilden (Ahyoud et al. 2018; Will 2022). Um rassistische Diskriminierung differenzierter erfassen zu können, braucht es daher Zugänge, die nicht primär rechtlichen Status oder Herkunft ins Zentrum stellen, sondern gesellschaftliche Zuschreibungen und soziale Positionierungen.
Eine erfahrungsbasierte Herangehensweise besteht darin, Selbstzuschreibungen zu erheben, wie es auch im NaDiRa.panel geschieht. Dieser Zugang ermöglicht es den Befragten, eigene Verortungen sichtbar zu machen – unabhängig davon, ob sie in amtlichen Kategorien erfasst werden. Die zugrunde liegenden Selbstverortungen werden dabei nicht als bloß individuelle Identitätsangaben verstanden, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Positionierungen, die von historischen Machtverhältnissen sowie von Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung geprägt sind.
Zugleich ist diese Kategorisierung forschungspraktisch notwendig, bleibt jedoch konstruiert und kann soziale Zuschreibungen potenziell verfestigen. Gerade darin liegt ein grundlegendes Spannungsverhältnis der quantitativen Rassismusforschung: Einerseits sind Kategorien erforderlich, um Ungleichheiten und Diskriminierung empirisch untersuchen zu können; andererseits besteht immer das Risiko, dass jene gesellschaftlichen Differenzlinien, die analysiert werden sollen, durch ihre Erhebung und Benennung zugleich reproduziert werden.
Quellen:
- Ahyoud, Nasiha/Aikins, Joshua Kwesi/Bartsch, Samera/Bechert, Naomi/Gyamerah, Daniel/Wagner, Lucienne (2018): Wer nicht gezählt wird, zählt nicht. Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten in der Einwanderungsgesellschaft – eine anwendungsorientierte Einführung, in: Vielfalt entscheidet – Diversity in Leadership, Citizens For Europe (Hg.), Berlin.
- Brubaker, Rogers (2002): Ethnicity without groups, in: European Journal of Sociology, 43(2), S. 163–189, https://doi.org/10.1017/S0003975602001066.
- Kim, Tae Jun/Sinanoğlu, Cihan/Steinhilper, Elias (2025): Engagiert gegen Rassismus: Potenzial und Praxis in Deutschland, DeZIM Data.insights 18, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
- Will, Anne-Kathrin (2022): „Migrationshintergrund“ , in: Inken Bartels/Isabella Löhr/Christiane Reinecke/Philipp Schäfer/Laura Stielike (Hg.), Inventar der Migrationsbegriffe, 20.01.2022.
„Schwarz“ ist eine politische Selbstbezeichnung, mit welcher versucht wird, eine spezifische, von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position und kollektive Erfahrung zu beschreiben. Um zu verdeutlichen, dass mit dem Begriff „Schwarz“ Bezug nicht auf eine individuelle, sondern auf eine gesellschaftliche Position und die dadurch geteilten Erfahrungen durch das Erleben von Anti-Schwarzen Rassismus genommen wird, wird er mit großem S geschrieben.
Quellen:
- Bute, Evangeline/Harmer, H. J. P. (2016): The Black Handbook: The People, History and Politics of Africa and the African Diaspora, London: Bloomsbury Academic.
- Neue deutsche Medienmacher*innen (o.J.): „Schwarze Menschen, Schwarze*r“, in: NdM-Glossar, glossar.neuemedienmacher.de/glossar/schwarze-menschen-schwarzer/ (letzter Zugriff: 15.08.2022).
- Oguntoye, Katharina/Opitz, May/Schultz, Dagmar (Hg.), mit einem Vorwort von Audre Lorde (1986): Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin: Orlanda
Antirassistische Widerstände und Migrant*innenbewegungen blieben lange in den Medien und der öffentlichen Auseinandersetzung unsichtbar. Migrant*innenselbstorganisationen sind wichtig für politisches Handeln, für die Kompetenzerweiterung betroffener Personen und sind ein Zusammenschluss von Akteur*innen mit den gleichen Interessen und Motivationen: „Selbstorganisation gründet auf Betroffenheit, setzt Teilnahme voraus und richtet sich wider das Prinzip der Stellvertretung, das immer auch Verstellung ist" (A3 – Initiative Minderheiten 2006: 31). Selbstorganisationen bilden ihre eigenen Definitionen und Kategorien, setzen sich dabei von hegemonialen Strukturen ab, um ihre Perspektive zu kommunizieren (ebd.: 43). Sie leisten außerdem Vernetzungsarbeit mit NGOs.
Quellen:
- A3 – Initiative Minderheiten (Hg.) (2006): Migrantische Selbstorganisation als politische Handlung, Wien: A3, initiative.minderheiten.at/wordpress/wp-content/uploads/2019/05/04_WIP.pdf (letzter Zugriff: 14.06.2023).
Die Tendenz von Befragungsteilnehmer*innen, während einer Befragung oder beim Ausfüllen eines Fragebogens mittels falscher Angaben ein positiveres, sozial erwünschteres Bild von sich abzugeben, wird als „Social Desirability Bias“ (soziale Erwünschtheit) bezeichnet (Paulhus 2002). Die befragte Person versucht bspw. durch Untertreibung von vermeintlich unerwünschtem Verhalten oder mittels übertriebener Nennung von vermeintlich erwünschtem Verhalten, angenommenen Erwartungen zu entsprechen. Hierbei orientiert sich die Person in der Regel an den sozialen Normen des eigenen Umfelds (Kreuter/Presser/Tourangeau 2008).
Quellen:
- Kreuter, Frauke/Presser, Stanley/Tourangeau, Roger (2008): „Social desirability bias in CATI, IVR, and web surveys“, in: Public Opinion Quarterly 72.5, S. 847–865.
- Paulhus, Delroy L. (2002): „Socially desirable responding: The evolution of a construct", in: H. I. Braun/D. N. Jackson/D. E. Wiley (Hg.): The Role of Constructs in Psychological and Educational Measurement, Mahwah, NY: Erlbaum, S. 49–69.
Als Subalterne werden soziale Gruppen einer Gesellschaft bezeichnet, deren Handlungsmacht durch die hegemonialen, Herrschaft ausübenden Gruppen der Gesellschaft stark eingeschränkt ist. Hierbei können verschiedene subalterne Gruppen in einem unterschiedlichen Grad unterworfen sein. Der Begriff in seiner gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Prägung geht auf Antonio Gramsci (1991–2002) zurück und wurde später in der Postkolonialen Theorie vor allem von Gayatri Spivak (2008) aufgegriffen.
Quellen:
- Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte, hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, 10 Bände, Hamburg: Argument-Verlag.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (2008): Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien/Berlin: Turia + Kant.
Der Begriff der Vergeschlechtlichung /Gender geht aus der Annahme hervor, dass zumindest Teile eines Verständnisses von Geschlecht gesellschaftlich konstruiert sind und somit spezifische binäre Geschlechtsidentitäten erst durch soziale Praktiken und Prozesse hergestellt und reproduziert werden. Demnach lassen sich Praktiken oder Identitätsmerkmale durch deren historische Kodierung – als z.B. weiblich oder männlich – als vergeschlechtlicht bezeichnen, wobei Vergeschlechtlichung als ein aktiver, anhaltender Prozess verstanden wird.
Quellen:
- Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
„Weiß“ und „Weißsein“ beschreibt nicht die Hautfarbe von Menschen, sondern ihre privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus. Um zu verdeutlichen, dass es um die gesellschaftspolitisch machtvolle Position und nicht um körperliche Marker geht, wird weiß oft klein und kursiv geschrieben.
Quellen:
- Eggers, Maureen Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (Hg.) (2020): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, 3. Auflage, Münster: Unrast.
Zugehörigkeit beschreibt, wie Menschen sich selbst und andere als Teil sozialer, nationaler oder kultureller Gemeinschaften verorten und wie diese Zuordnungen gesellschaftlich anerkannt oder infrage gestellt werden. Nira Yuval-Davis unterscheidet dabei zwischen dem emotionalen Erleben von Zugehörigkeit („belonging“,) und der „Politics of Belonging“– den politischen Aushandlungsprozessen, Grenzziehungen und Kriterien, mit denen festgelegt wird, wer als zugehörig gilt und wer nicht. Zugehörigkeit ist somit kein feststehender Zustand, sondern wird fortlaufend sozial hergestellt und ist eng mit Fragen von Rassismus, Nation und Staatsbürgerschaft verknüpft.
Paul Mecheril ergänzt diese Perspektive um das Konzept der natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeit: Zugehörigkeit wird hier als Ergebnis fortlaufender Zuschreibungsprozesse verstanden, durch die Menschen mehr oder weniger „fraglos“ bzw. als sogenannte „prekär“ Zugehörige in nationale, ethnische und kulturelle Kontexte eingeordnet werden – abhängig davon, wie stark ihre Zugehörigkeit von der Mehrheitsgesellschaft infrage gestellt wird (Mecheril 2003).
Naika Foroutan hat diese Aushandlungen für die postmigrantische Gesellschaft in Deutschland beschrieben: Zugehörigkeit werde hier häufig nicht formal – etwa über die Staatsbürgerschaft –, sondern informell verhandelt, unter anderem durch Herkunftszuschreibungen oder rassistische Markierungen. Dadurch können auch Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit als „nicht dazugehörig“ adressiert werden.
Quellen:
- Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld: transcript Verlag.
- Mecheril, Paul (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit, Münster: Waxmann.
- Yuval-Davis, Nira (2006): „Belonging and the Politics of Belonging“, in: Patterns of Prejudice, 40(3), S. 197–214.