Internationale Fachkräfte im frühkindlichen Bildungssystem – Zugänge, Anerkennung und institutionelle Barrieren
Das Projekt findet vor dem Hintergrund eines anhaltenden Personalmangels in der frühkindlichen Bildung in Deutschland statt. Das bereits stark belastete System muss in seiner strukturellen Ausstattung gestärkt werden, um seinem gesetzlich vorgeschriebenen Bildungsauftrag weiterhin nachkommen zu können. Prognosen gehen von einem Defizit von bis zu rund 88.000 Fachkräften bis zum Jahr 2030 aus, insbesondere in den westdeutschen Bundesländern. Vor diesem Hintergrund gewinnen Rekrutierungs- und Anerkennungsstrategien zunehmend an politischer und institutioneller Bedeutung, darunter auch die Einbindung international ausgebildeter Fachkräfte in das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung. Damit richtet die Studie den Blick auf ein stark feminisiertes Berufsfeld, in dem überwiegend Frauen tätig sind.
„Aus der Forschung wissen wir, dass der Zugang zum frühpädagogischen Berufsfeld für internationale Fachkräfte stark selektiv strukturiert ist. Von rund 49.000 Fachkräften arbeiten nur etwa 9.000 in Kitas in Deutschland. Rund 40.000 bleiben außerhalb des Arbeitsfeldes. Genau hier setzt die Studie an.“
Ein zentraler Grund hierfür liegt im Anerkennungsverfahren, da die Berufe Erzieher*in und Kindheitspädagog*in in Deutschland reglementiert sind und eine staatliche Anerkennung voraussetzen. „Ausländische Abschlüsse“ werden dabei häufig nicht vollständig als gleichwertig anerkannt, sodass viele Verfahren mit Auflagen zur Nachqualifizierung enden. Dies verweist auch auf unausgeschöpfte Potenziale zur Diversifizierung frühkindlicher Bildungseinrichtungen – ein Umstand, der besonders relevant ist, da rund 43 % aller Kinder unter fünf Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweisen.
Das Projekt erforscht, welche Wege internationale Fachkräfte in den frühpädagogischen Bildungssystem nehmen, welche Erfahrungen sie dabei machen und welche institutionellen Barrieren oder Unterstützungsstrukturen ihre beruflichen Verläufe prägen. Bearbeitet wird auch die Frage, welche strukturellen Voraussetzungen und institutionellen Öffnungen erforderlich sind, damit internationale Fachkräfte ihre beruflichen Qualifikationen und Erfahrungen im frühpädagogischen Arbeitsfeld einbringen können.
Leitende Forschungsfragen
- Wie gestalten sich die Zugangswege internationaler Fachkräfte in das frühkindliche Bildungssystem in Deutschland – von der Informationssuche über die Auseinandersetzung mit Anerkennungsverfahren bis hin zu Übergangsbeschäftigungsformen?
Welche institutionellen Kriterien, Praktiken und Entscheidungslogiken strukturieren diese Zugänge im Zusammenspiel von Anerkennungsregeln, Trägern und Vermittlungsagenturen?
Methodische Vorgehen
Die Studie ist qualitativ angelegt. Sie kombiniert berufsbiografische Interviews mit international ausgebildeten Fachkräften, die sich in unterschiedlichen Phasen des Berufszugangs befinden – von der ersten Informationssuche und Orientierung über das Verständnis des Anerkennungssystems und Bewerbungsprozesse bis hin zu Übergangs- und Beschäftigungsformen ohne formale Anerkennung – mit problemzentrierten Interviews mit Akteur*innen aus der Kita-Trägerschaft, Vermittlungsagenturen und Zeitarbeitsfirmen. Ziel der Verschränkung dieser Perspektiven ist es, den gesamten Prozess des Berufszugangs – von Information über Anerkennung bis Vermittlung – zu erfassen und seine strukturellen Muster sowie das Zusammenspiel individueller, organisationaler und arbeitsmarktbezogener Logiken sichtbar zu machen. Eine vorgelagerte Kontextanalyse ergänzt die Studie durch Expert*inneninterviews und Dokumentenanalysen zu institutionellen und politischen Rahmenbedingungen der Fachkräftegewinnung und -einbindung.
Praxistransfer
Auf Grundlage der Studienerkenntnisse sollen Handlungsempfehlungen für Politik, Träger und Bildungseinrichtungen entwickelt werden. Mit dem Ziel, dass internationale Fachkräfte ihre beruflichen Expertisen künftig umfassender in das frühpädagogische Bildungssystem einbringen können, werden Perspektiven für eine strukturelle Öffnung des frühpädagogischen Arbeitsfeldes erarbeitet.
Forschungslücken
Zur Beschäftigung internationaler Fachkräfte im frühkindlichen Bildungssystem liegt bislang nur sehr begrenztes empirisches Wissen vor. Die wenigen Studien befassen sich vor allem mit Anerkennungsverfahren, Fachkräftebedarfen oder institutionellen Erwartungen gegenüber Fachkräften mit ausländischen Abschlüssen. Die Perspektive der Fachkräfte selbst, insbesondere derjenigen, die im System noch nicht angekommen sind, bleibt weitgehend unberücksichtigt. Ebenso wenig ist bekannt, wie institutionelle und organisationale Praktiken den Zugang zum Arbeitsfeld strukturieren. Dies betrifft z.B. die Frage, wie Kita-Träger durch interne Trägeranerkennungen und Einstellungsentscheidungen darüber mitentscheiden, inwieweit internationale Fachkräfte Berufszugang erhalten.
Ausgewählte Literatur
- Benzer, U. & Roser, L. (2022). Berufliche Anerkennung frühpädagogischer Fachkräfte mit einer im Ausland erworbenen Berufsqualifikation: Situationsanalyse aus Sicht des Förderprogramms IQ. Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb).
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024). Gesamtstrategie Fachkräfte in Kitas und Ganztag: Empfehlungen der AG „Gesamtstrategie Fachkräfte in Kitas und Ganztags“. Praxis-Beispiele zum Empfehlungspapier. BMFSFJ.
- Fendel, T. & Yıldız, Ö. (2020). Integrationspfade geflüchteter Frauen in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. In A.-H. Carl, S. Kunze, Y. Olteanu, Ö. Yıldız, & A. Yollu-Tok (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse im Kontext von Unternehmen und Gesellschaft (S. 55–72). Nomos. doi.org/10.5771/9783748907077-55
- Geiger, S. & Faas, S. (2019). Zur Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen im Bereich frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung. Soziale Passagen, 11(2), 285–304. doi.org/10.1007/s12592-019-00327-z
- Gereke, I., Akbaş, B., Leiprecht, R. & Brokmann-Nooren, C. (2014). Pädagogische Fachkräfte mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten: Ressourcen – Potenziale – Bedarfe. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
- Hartwich, P. & Tillmann, K. (2024). Anerkennung ausländischer Abschlüsse: Fachkräftepotenziale für die Frühe Bildung? Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF).
- Lokhande, M. (2025). Verborgene Potenziale erschließen: Berufseinstieg für internationale Fachkräfte in Kitas und Schulen erleichtern. Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR).
- Traub, A. (2024). Fachkräfte mit im Ausland erworbenen Qualifikationen in der Kinder- und Jugendhilfe. Aus dem Deutschen Verein, 104(4), 167–171.