Zu Prekaritätsverhältnissen und Rassifizierung in der ortsgebundenen Plattformökonomie

Internationaler Forschung zufolge wirken historisch kontingente Rassifizierungsprozesse und neoliberale Arbeitskontexte auch in der ortsgebundenen Plattformarbeit fort und werden durch die spezifischen Bedingungen der Gig-Ökonomie neu konfiguriert. Das Projekt untersucht dieses Feld in Deutschland als zentralen Ort, an dem sich Rassismus, Migration und Prekarisierung unmittelbar verschränken. Plattformen erscheinen dabei nicht als neutrale Technologien, sondern als machtvolle Infrastrukturen. Es werden Rahmenkonstellationen migrantisch-rassifizierter Arbeit beleuchtet – nicht zuletzt über die Verwendung von „Rassismus“ als Analysekategorie.

Leitende Forschungsfragen

  • In welchem Zusammenhang steht die ortsgebundene Plattformökonomie mit Prozessen der Prekarisierung und Rassifizierung? 
  • Inwieweit ist Prekarität hier rassifiziert und wie verschränkt sich dies mit Migration?
  • Wie wird Prekarität von den verschiedenen Arbeiter*innen ortsgebundener Plattformbranchen verhandelt?

„Im Zentrum des Projekts steht nicht unbedingt die Frage, welche Arbeitsbedingungen Menschen vorfinden, sondern vor allem: Warum werden ganz bestimmte Tätigkeiten – die natürlich mit bestimmten Arbeitsbedingungen verknüpft sind – von ganz bestimmten Personengruppen ausgeübt und inwieweit ist diese Frage eine von Rassifizierung bzw. von rassistischen Gesellschaftsstrukturen?“

Dr. Hans Vogt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Projektbeschreibung

(Ortsgebundene) Plattformökonomie kann als ‚Experimentierfeld der Zukunft der Arbeit‘ angesehen werden – wenn sie auch keine gänzlich neuen Verhältnisse hervorbringen mag, sondern diese im Gegenteil gar verfestigt (vgl. z.B. Schor & Vallas 2023). Digitale Plattformen vermitteln Arbeitskraft über digitale Infrastrukturen und versprechen Flexibilität und Effizienz. In Deutschland wird dies weitgehend positiv bewertet, oft ohne dabei zentrale Machtverhältnisse zu berücksichtigen. So ist etwa ortsgebundene Plattformarbeit stark migrantisch geprägt; rassifizierte Ungleichheiten werden nicht trotz, sondern durch Plattformen reproduziert (Piasna & Zwysen 2026; van Doorn 2017).

Die vorläufige Fragestellung bezieht sich auf einen heuristischen Vergleich von Erfahrungen jeweils bei ortsgebundenen Hausarbeits- (z.B. Helpling) und Lieferdienstleistungen (z.B. Wolt, „Ghost Kitchens“) im Hinblick auf Rassifizierungs- und Prekarisierungsprozesse, etwa im Kontext von Gender, Sichtbarkeit, Kontrollmechanismen, Sicherheit bzw. Versicherung, Gesundheit oder der Fortsetzung bzw. Institutionalisierung eines Kontinuums von illegalisierter/informeller Arbeit.

  • Die Plattformökonomie wurde bisher vor allem aus arbeits- oder migrationssoziologischer Perspektive untersucht. Eine konsequent rassismuskritische Analyse ist im deutschen Kontext bislang nur punktuell vorhanden (z.B. Animento 2024). Das Projekt geht über klassische Diskriminierungsanalysen hinaus. Es untersucht nicht nur Benachteiligungen im Arbeitsprozess selbst (z. B. bei Aufträgen oder Bezahlung), sondern auch die strukturellen Bedingungen.
  • Welche sozialen, ökonomischen und rechtlichen Kontexte führen Menschen in diese Arbeitsverhältnisse? Welche Rolle spielen Aufenthaltsstatus, ökonomischer Druck oder fehlende Alternativen? Welche langfristigen Folgen ergeben sich aus dieser Arbeit für Lebenslagen, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe?
  • Damit verschiebt das Projekt die Perspektive: Nicht allein Plattformen stehen im Zentrum (Orth & Baum 2024), sondern die gesamtgesellschaftlich erzeugten Lebensrealitäten der Arbeiter*innen sowie deren Einbettung in rassifizierte Migrations-, Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsregime.

In Q1 2026 werden Vorgespräche mit Wissenschaftler*innen und Stakeholdern geführt, um zentrale Problemfelder, Zugänge zum Feld und relevante Perspektiven zu identifizieren, die Fragestellungen zu konzeptualisieren und reduzieren sowie Feldzugänge auszuloten. In Q2 wird die Feldphase durchgeführt: Interviews mit Arbeiter*innen, Erhebung von Tagebuchdaten, ggfs. Ergänzung durch Dokumentensichtungen bzw. Medienanalyse. In Q3 werden eine erste thematische Analyse und wissenschaftliche Diskussion erster Ergebnisse durchgeführt, in Q4 die finale Analyse, erste Verschriftlichung und Vorstellung von Teilergebnissen. Die Ergebnisse werden außerdem 2027 in den Schwerpunktbericht zum Thema Arbeit einfließen.

Das Projekt läuft seit dem vierten Quartal 2025 und endet voraussichtlich Ende Dezember 2026. Es ist am DeZIM-Institut im Rahmen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) angesiedelt und wird im interdisziplinären Austausch mit Wissenschaftler*innen verschiedener Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie Praxisakteur*innen und Community-Vertreter*innen durchgeführt.

App-basierte, ortsgebundene Plattformarbeit bezeichnet Tätigkeiten, die über digitale Plattformen bzw. Apps vermittelt, organisiert und kontrolliert werden und an einen konkreten physischen Ort gebunden sind (im Gegensatz zu Plattformarbeit, die komplett online bzw. digital verrichtet wird) Dazu zählen beispielsweise Lieferdienste, Fahrdienste sowie Reinigungs- oder Haushaltsarbeiten. Die Plattform übernimmt dabei die Vermittlung zwischen Kund*innen und Arbeitskräften sowie häufig auch die Bewertung, Zuteilung und Überwachung der Arbeit über algorithmische/digitale Systeme.

 

 

Weitere Forschung zu Migration, Rassismus und Arbeitskontexten

Ansprechpartner*innen

Dr. Hans Vogt

Dr. Hans Vogt

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Abteilung Integration
Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Ausgewählte Literatur

  • Altenried, Moritz (2024): Mobile workers, contingent labour: Migration, the gig economy and the multiplication of labour. In: Environ Plan A 56 (4), S. 1113–1128. DOI: 10.1177/0308518X211054846.
  • Animento, Stefania (2024): Understanding Racism in Digital Capitalism. Racialisation and De-Racialisation in Platform Economies, Infrastructural Racism and Algorithmic Opacity. In: tripleC 22 (1), S. 366–380. DOI: 10.31269/triplec.v22i1.1459.
  • Gebrial, Dalia (2024): Racial platform capitalism: Empire, migration and the making of Uber in London. In: Environ Plan A 56 (4), S. 1170–1194. DOI: 10.1177/0308518X221115439.
  • Orth, Barbara; Baum, Franziska (2024): Researching Care Platforms: Methodological and Ethical Considerations in the Broad Field of Domestic Platform Labour. In: Critical Sociology, Artikel 08969205241280360. DOI: 10.1177/08969205241280360.
  • Piasna, Agnieszka; Zwysen, Wouter (2026): Is platform work migrant work? The economic and social conditions behind migrant (over-)representation in the platform economy across Europe. In: ilren 165 (1), Artikel 26398. DOI: 10.16995/ilr.23806.
  • Schor, Juliet B.; Vallas, Steven B. (2023): Labor and the Platform Economy. In: Babak et al. Heydari (Hg.): Reengineering the Sharing Economy: Design, Policy, and Regulation: Cambridge University Press, S. 83–94. Online verfügbar unter www.cambridge.org/core/books/reengineering-the-sharing-economy/labor-and-the-platform-economy/361C3E2C13E17B359CAFD3B5024E363D.
  • van Doorn, Niels (2017): Platform labor: on the gendered and racialized exploitation of low-income service work in the ‘on-demand’ economy. In: Information, Communication & Society 20 (6), S. 898–914. DOI: 10.1080/1369118X.2017.1294194.
  • van Doorn, Niels; Beerepoot, Niels; Kitamura, Meg; Piukovici-Karadag, Selma (2025): Continuity and change: Reflections on over a decade of research on platform-mediated gig work. In: WOLG 19 (3). DOI: 10.13169/workorgalaboglob.19.3.0010.
  • van Doorn, Niels; Vijay, Darsana (2024): Gig work as migrant work: The platformization of migration infrastructure. In: Environ Plan A 56 (4), S. 1129–1149. DOI: 10.1177/0308518X211065049.