Rassismus in der Pflege – Zur Situation international angeworbener Pflegekräfte in Deutschland
Der deutsche Pflegesektor steht angesichts des demografischen Wandels und einer Krise des Gesundheitssystems unter erheblichem Druck. Schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Anerkennung mindern die Attraktivität des Pflegeberufs und verschärfen den Fachkräftemangel. Als politische Reaktion wird zunehmend auf die internationale Anwerbung von Pflegekräften gesetzt. Zugleich mehren sich Berichte über problematische Arbeitsrealitäten: rassistische Diskriminierung, unfaire Behandlungen oder restriktive Arbeitsverträge. Die Studie zeigt auf, wie verbesserte Rahmenbedingungen, wirksame Maßnahmen zum Schutz vor Diskriminierung und klar strukturierte Integrationsprozesse nicht nur die Arbeitsrechte der Pflegekräfte stärken, sondern zugleich Abwanderung entgegenwirken und damit die Stabilität des Gesundheitssystems fördern.
Übergeordnete Fragestellung
- Welche Rassismuserfahrungen machen angeworbene Pflegefachpersonen im Kontext von Beschäftigungsverhältnissen (im Team und mit Patient*innen im Krankenhaus)?
- Welche Folgen ergeben sich daraus?
Am Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) haben wir zur Situation international angeworbener Pflegekräfte geforscht. Die Auswertungen zeigen, dass Gesundheit, berufliche Entwicklung und Lebenswege der betroffenen Personen – und damit auch die Pflege selbst – wesentlich durch rassistische Diskriminierung beeinträchtigt werden können. Insbesondere geht es dabei um das Zusammenspiel von Alltagsrassismus unter Kolleg*innen und strukturellen Missständen, die etwa durch die Kopplung von Aufenthaltstiteln an Arbeitsverträge systematisch Prekarität erzeugen. (Hans Vogt, Zitat von der DeZIM-Pflegeseite)
Forschungsgegenstand
Der deutsche Pflegesektor steht angesichts des demografischen Wandels und einer Krise des Gesundheitssystems unter erheblichem Druck. Schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Anerkennung mindern die Attraktivität des Pflegeberufs und verschärfen den Fachkräftemangel (Rothgang, Müller & Preuß 2020). Bereits 2018 schätzte eine Expertise der Hans-Böckler-Stiftung die Zahl fehlender Vollzeitkräfte in der Krankenpflege auf über 100.000 (vgl. Simon 2018: 129). Der Deutsche Pflegerat prognostiziert bis 2034 ein Defizit von rund 500.000 Pflegekräften, vor allem aufgrund der alternden Bevölkerung (Deutscher Pflegerat 2021). Als politische Reaktion wird zunehmend auf die internationale Anwerbung gesetzt. Staatlich geförderte Programme wie „Triple Win“ haben bereits tausende Pflegekräfte nach Deutschland gebracht. Seit 2022 beruht das gesamte Beschäftigungswachstum in der Pflege auf ausländischen Fachkräften (Singer & Fleischer 2025: 4/11). Klar ist: Ohne sie wäre die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems kaum möglich. Zugleich mehren sich Berichte über problematische Arbeitsrealitäten: rassistische Diskriminierung durch Kolleg*innen, unfaire Behandlung durch Vorgesetzte oder restriktive Arbeitsverträge („Knebelverträge“), die Abhängigkeiten schaffen (Ritter 2023; Argüeso & Richter 2020). Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gaben 21 % der Erwerbsmigrant*innen aus Drittstaaten im Jahr 2022 an, Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt zu haben; in 93 % der Fälle wurde die ethnische Zugehörigkeit als Grund benannt (vgl. Fendel & Ivanov 2024: 6).
Wie ist das Vorgehen?
Mittels Interviews , Tagebuchstudien und ergänzender Dokumentenanalyse wurden Rassismuserfahrungen international angeworbener Pflegekräfte und deren Folgen im Arbeitsalltag untersucht. Grundlage bildeten Gespräche mit 18 Pflegefachpersonen und drei Integrationsmanager*innen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Kontexten. Mithilfe der methodischen Triangulation konnten sowohl individuelle Erfahrungen als auch strukturelle Dynamiken sichtbar gemacht werden. Durch die Einbindung eines Fachbeirats (Edjailma Podgurski, Samed Qoshja, Dr. Ute Siebert und Dr. Sarina Strumpen) wurden der Fokus auf die Perspektiven der Betroffenen sowie die kritische Reflexion der Interpretation und Repräsentation der Daten sichergestellt.
Beitrag zu Forschungslücke
International ist Rassismus gegenüber Pflegepersonal wissenschaftlich gut dokumentiert – etwa in Bezug auf Kompetenzabsprache, überproportionale Arbeitslast oder Mikroaggressionen (Hamed et al. 2022; Beagan et al. 2023; Wesołowska et al. 2020). Für den deutschen Kontext bestehen jedoch weiterhin erhebliche Forschungslücken in Bezug auf Rassismus – sowohl gegenüber angeworbenen als auch in Deutschland ausgebildeten Pflegekräften. Die qualitative Studie, die zwischen 2024 und 2025 untersucht Rassismuserfahrungen international angeworbener Pflegekräfte untersucht hat. Angesichts des wachsenden Anteils angeworbener Pflegekräfte in Deutschland kann eine an die Forschung anschließende Auseinandersetzung helfen, tragfähige Perspektiven für ein bedarfsgerechtes, inklusives und zukunftsfähiges Gesundheitssystem zu entwickeln (vgl. u. a. Yalçın, Hubenthal & Dieterich 2024: 143ff.; OECD 2015).
Ergebnisse
Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass international angeworbene Pflegekräfte Diskriminierung auf drei Ebenen erfahren – strukturell, institutionell und interpersonell. Diese Ebenen sind eng miteinander verflochten und werden hier aus Gründen der Übersichtlichkeit getrennt voneinander dargestellt.
- Die Kopplung von Aufenthaltstiteln an Arbeitsverträge schafft Abhängigkeiten und Prekarität: Jobverlust bedeutet oft auch Verlust des Visums.
- Restriktive Kündigungsfristen und hohe Vertragsstrafen binden Pflegekräfte einseitig an den Arbeitgeber und begünstigen Ausbeutung und Diskriminierung.
- Familiennachzug ist häufig erschwert. Trennung und Isolation sowie finanzielle Verantwortung für Angehörige im Herkunftsland verstärken die Abhängigkeit.
- Fehlende Schutzkonzepte, Diskriminierungssensibilität und Supervision sowie unzureichendes Integrationsmanagement und Onboarding erschweren die Inklusion der Fachkräfte.
- Anerkennungsverfahren sind häufig uneinheitlich, intransparent, undifferenziert und praxisfern. Dies führt (indirekt) zu einer Entwertung vorhandener Qualifikationen.
- Die Kenntnisprüfung darf nur einmal wiederholt werden (§ 45 Abs. 7 PflAPrV). Dies erzeugt erheblichen zeitlichen, finanziellen und psychischen Druck.
- Klinik- und Stationsleitungen reagieren bei Konflikten oder Diskriminierungsfällen vielfach nicht unterstützend; arbeitsrechtliche Standards werden teils abgeschwächt oder umgangen.
- Betroffene berichten dadurch von Gefühlen der Nicht-Zugehörigkeit, mangelnder Wertschätzung und geringerer Schutzwürdigkeit im Vergleich zu Kolleg*innen mit deutscher Staatsangehörigkeit.
- Pflegekräfte schildern systematische Diskriminierungserfahrungen: Bloßstellungen, Demütigungen, gezielte Fehlersuche, Ignoranz, Mikroaggressionen bis hin zu körperlichen Übergriffen.
- Häufig kommt es zur Schuldumkehr: Betroffenen wird mangelnde Sprachkompetenz oder Glaubwürdigkeit unterstellt, statt Diskriminierung anzuerkennen.
- Führungskräfte und Kolleg*innen greifen selten ein, wodurch rassistisches Verhalten normalisiert wird.
- Viele Pflegekräfte verzichten aus Angst vor Arbeitsplatz- oder Visumsverlust darauf, Vorfälle zu melden.
- Mehrfachbelastungen durch Arbeitsdruck, Anerkennungsverfahren, Spracherwerb und Diskriminierung gefährden Gesundheit, Wohlbefinden und die langfristige Integration internationaler Pflegekräfte.
- Wo rechtlich oder finanziell möglich, kündigen Fachkräfte in dieser Situation häufig ihre Stellen.
- Diese Strukturen beeinträchtigen nicht nur die Rechte und Karrieren der Pflegekräfte, sondern auch die Qualität und Nachhaltigkeit der Versorgung im deutschen Gesundheitssystem.
Von wann bis wann lief das Projekt und wer ist beteiligt?
Das Projekt lief inklusive Vorarbeit, Ergebnisveröffentlichung und Abschlussveranstaltung von Anfang des Jahres 2024 bis Ende des Jahres 2025. Es war am DeZIM-Institut im Rahmen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) angesiedelt und wurde im interdisziplinären Austausch mit einem Fachbeirat aus Wissenschaftler*innen und Stakeholdern durchgeführt.
Literatur
Ahlberg, Beth Maina; Hamed, Sarah; Bradby, Hannah; Moberg, Cecilia; Thapar-Björkert, Suruchi (2022): "Just Throw It Behind You and Just Keep Going": Emotional Labor when Ethnic Minority Healthcare Staff Encounter Racism in Healthcare. In: Frontiers in sociology 6, S. 741202. DOI: 10.3389/fsoc.2021.741202.
Argüeso, Olaya; Richter, Frederik (2020): Ein ausbeuterisches Geschäft. Wie dubiose Vermittler ausländische Pflegekräfte zur Ware machen. Online verfügbar unter correctiv.org/top-stories/2020/11/25/wie-dubiose-vermittler-auslaendische-pflegekraefte-zur-ware-machen/, zuletzt geprüft am 03.06.2025.
Beagan, Brenda L.; Bizzeth, Stephanie R.; Etowa, Josephine (2023): Interpersonal, institutional, and structural racism in Canadian nursing: A culture of silence. In: The Canadian journal of nursing research = Revue canadienne de recherche en sciences infirmieres 55 (2), S. 195–205. DOI: 10.1177/08445621221110140.
Deutscher Pflegerat (09.03.2021): 500.000 professionell Pflegende werden in den nächsten 12 Jahren in Rente gehen. Online verfügbar unter deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/pressemitteilungen/500-000-professionell-pflegende-werden-in-den-naechsten-12-jahren-in-rente-gehen, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
Fendel, Tanja; Ivanov, Boris (2024): Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Gute Arbeitsmarktintegration trotz bürokratischer Hürden und Diskriminierung. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB-Kurzbericht, 2024-21).
Fendel, Tanja; Ivanov, Boris (2024): Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Gute Arbeitsmarktintegration trotz bürokratischer Hürden und Diskriminierung. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB-Kurzbericht, 2024-21).
OECD (2015): International Migration Outlook 2015. Paris: OECD Publishing.
Ritter, Monique (2023): Herausforderungen für zugewanderte Pflegekräfte. bpb - Bundeszentrale für politische Bildung. Online verfügbar unter www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/deutschland/543561/herausforderungen-fuer-zugewanderte-pflegekraefte/.
Rothgang, Heinz; Müller, Rolf; Preuß, Benedikt (2020): Barmer Pflegereport 2020. Belastungen der Pflegekräfte und ihre Folgen. Barmer. Berlin.
Simon, Michael (2018): Von der Unterbesetzung in der Krankenhauspflege zur bedarfsgerechten Personalausstattung. Eine kritische Analyse der aktuellen Reformpläne für die Personalbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser und Vorstellung zweier Alternativmodelle. Hg. v. Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf. Online verfügbar unter www.boeckler.de/de/faust-detail.htm, zuletzt geprüft am 03.06.2025.
Singer, Kirsten; Fleischer, Nicole (2025): Statistik der Bundesagentur für Arbeit Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt. Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich. Hg. v. Bundesagentur für Arbeit - Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung. Nürnberg. Online verfügbar unter statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/Altenpflege.pdf, zuletzt geprüft am 03.06.2025.
Wesołowska, Karolina; Elovainio, Marko; Komulainen, Kaisla; Hietapakka, Laura; Heponiemi, Tarja (2020): Nativity status and workplace discrimination in registered nurses: Testing the mediating role of psychosocial work characteristics. In: Journal of Advanced Nursing 76 (7), S. 1594–1602. DOI: 10.1111/jan.14361.
Yalcin, Serhat; Hubenthal, Natalie; Dieterich, Juliane (2024): Arbeitsfelder der Ankunft - Migrantische Perspektiven auf Arbeit in Gastronomie, Reinigung und Pflege. Hg. v. Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf (STUDY, 487).