Schwerpunkt Wohnen
Wohnen ist eine grundlegende Voraussetzung für Sicherheit, Stabilität und gesellschaftliche Teilhabe – und als Menschenrecht völkerrechtlich verankert. Gleichzeitig zeigt der Forschungsstand, dass Zugang, Qualität und Sicherheit von Wohnraum in Deutschland ungleich verteilt sind. Im deutschsprachigen Raum untersuchen Studien bisher vor allem Unterschiede entlang der Kategorie Migrationshintergrund und zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund beim Zugang zu Wohnraum häufiger benachteiligt werden – etwa durch geringere Chancen auf Rückmeldungen, Besichtigungseinladungen oder faire Mietkonditionen. Doch Ungleichheiten enden nicht an der Wohnungstür. Sie setzen sich in kleineren oder belastenden Wohnverhältnissen fort und zeigen sich in Quartieren mit schlechterer Infrastruktur oder stärkeren Umweltbelastungen. Diese Bedingungen schaffen Wohnsituationen, die gesellschaftliche Teilhabe begrenzen und bestehende Ungleichheiten verstetigen können. Internationale Forschung verdeutlicht, dass diese Muster eng mit rassistischen Strukturen verknüpft sind. Genau hier setzt der NaDiRa-Bericht an: Er betrachtet nicht nur migrationsbezogene Kategorien, sondern rückt explizit rassistische Betroffenheit in den Mittelpunkt.
Leitende Forschungsfragen
Welche Auswirkungen haben rassismusbedingte Unterschiede in der Wohnsituation auf die subjektive Wohnzufriedenheit und die mentale Gesundheit?
In welchem Maße spiegeln sich rassistische Ungleichheiten in Wohnbedingungen wider, etwa in Wohnraumgröße, Instandhaltungszustand, Vertragsformen oder finanzieller Belastung?
Wer wird beim Eintritt in den Wohnungsmarkt systematisch benachteiligt?
Wie unterscheiden sich Lebensverhältnisse, Infrastrukturen und Umweltbedingungen in Nachbarschaften entlang rassistischer Markierungen?
Der Rassismusmonitor zeigt, dass rassistische Ungleichheiten einen grundlegenden Einfluss auf das Wohnen haben. Diskriminierung wirkt nicht nur in Bewerbungsprozessen und Vergabepraktiken auf dem Wohnungsmarkt, sondern prägt auch Wohn- und Lebensqualität sowie Erfahrungen in Nachbarschaften.
Im Rahmen des Rassismusmonitors erfassen und analysieren wir, wie rassistisch markierte Personen ihren Zugang zu Wohnraum erleben und welche Hürden ihnen im Suchprozess begegnen. Mit den Befragungsdaten des NaDiRa.panels und einem deutschlandweiten Feldexperiment über ImmoScout24 untersuchen wir sowohl direkte Diskriminierung bei Wohnungsanfragen als auch subtilere Ausschlussmechanismen. Die Ergebnisse zeigen: Rassistisch markierte Gruppen berichten deutlich häufiger von Diskriminierung – und das Experiment bestätigt diese Benachteiligung unter realen Bedingungen.
Darüber hinaus befassen wir uns damit, wie rassismusbezogene Ungleichheiten die konkrete Wohnsituation prägen – von Mietbelastung und Wohnraumgröße über bauliche Mängel bis hin zu Vertragsformen. Die Daten zeigen, dass rassistisch markierte Gruppen häufiger in engeren, belastenden und unsichereren Wohnverhältnissen leben und ein höheres Risiko von Wohnarmut tragen.
In Kombination mit amtlichen Kontextdaten untersuchen wir schließlich, wie Rassismus Nachbarschaften strukturiert. Dabei zeigen sich entlang rassistischer Markierung Unterschiede in Diskriminierungserfahrungen, Sicherheitsempfinden, infrastruktureller Ausstattung und Umweltbelastungen.
Insgesamt zielt unsere Forschung darauf ab, die Folgen von Rassismus auf den Zugang zu Wohnraum sowie auf die tatsächlichen Wohnverhältnisse empirisch zu erfassen. Aus diesen Erkenntnissen leiten wir Handlungsempfehlungen für Politik, Praxis und Institutionen ab, um rassistischen Ausschlüssen im Bereich Wohnen in Deutschland entgegenzuwirken.
„Der NaDiRa zeigt: Wohnen ist in Deutschland nicht für alle gleich. Rassistisch markierte Gruppen haben schlechtere Chancen auf Wohnraum, leben häufiger teurer, enger oder belasteter und sind stärkeren Umwelt- und Infrastrukturungleichheiten ausgesetzt. Diese Muster gehen über soziale Lage hinaus. Solche Befunde sind zentral, um strukturelle Mechanismen sichtbar zu machen und Politik wirksam auszurichten.“
Zum NaDiRa-Monitoringbericht Schwerpunkt Wohnen
Ausgewählte Literatur
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